Weniger Angst durch veränderte Bewertungen

Die Corona-Krise verunsichert die Menschen weltweit. Die Reaktionen sind individuell unterschiedlich, doch spielt Angst oft eine Rolle. Was macht Angst mit den Menschen? Was ist das überhaupt: Angst? Die Angst- und Hypnoseforscherin Dr. Barbara Schmidt vom Institut für Psychologie der Universität Jena erläutert im Interview die Grundlagen der Angst, ihre Wirkung und wie man vielleicht etwas besser mit diesem Gefühl umgehen kann.

Mit Corona bzw. COVID-19 ist eine Verunsicherung über Deutschland und die ganze Welt hereingebrochen. Warum macht eine Krise wie die gegenwärtige vielen Menschen solche Angst?

Schmidt: Die gesellschaftliche Situation im Rahmen von COVID-19 ist neu und unbekannt für uns alle. Es fällt uns schwer, die Situation richtig zu beurteilen. Jeden Tag ändert sich die Lage. Wir können nicht auf bekannte Muster zurückgreifen. Das erzeugt das Gefühl von Unsicherheit und Angst. Angst ist dabei durchaus berechtigt. Wir sollten aber trotz der Angst handlungsfähig bleiben. Dazu ist es hilfreich zu verstehen, was Angst eigentlich ist.

Was ist denn Angst?

Angst ist ein Gefühl, das wir haben, wenn wir eine Situation als bedrohlich bewerten. Wenn wir Angst empfinden, versuchen wir meist, etwas zu tun, um die empfundene Bedrohung zu reduzieren. Ich möchte hier besonders auf den interessanten Aspekt der Bewertung eingehen. Die Dinge um uns herum haben erst einmal keine Bedeutung an sich, durch unsere Bewertung weisen wir ihnen eine Bedeutung zu. Dadurch ergibt sich eine große Freiheit. Wir haben die Möglichkeit, eine Situation anders zu bewerten, so dass wir besser mit ihr umgehen können. Da gibt es die spannendsten Beispiele. Stellen Sie sich vor, Sie betreten eine Bühne und haben Herzklopfen, weil Sie gleich eine Rede halten. Sie können jetzt dieses Herzklopfen so bewerten: Ah, ich bin aufgeregt und habe Angst, vor dem Publikum zu sprechen. Alternativ könnten Sie auch denken: Ah, mein Körper stellt gerade alle Mittel zur Verfügung, damit ich gleich meine optimale Leistung bringen kann. Angst ist interessanterweise auch sehr schwer zu messen. Man kann nicht einfach ein Thermometer anlegen und das Ausmaß der Angst bestimmen. Genaues Messen ist aber sehr wichtig in der psychologischen Forschung. Also haben wir spezielle Abfragemethoden entwickelt, um Angst zu messen. Auch hier zeigt sich die Vielschichtigkeit dieses Gefühls.

Wann und wie wird Angst zur Gefahr?

Hier möchte ich gerne auf die zwei großen Akteure in unserem Gehirn verweisen. Das ist zum einen die Amygdala, die entwicklungsgeschichtlich schon sehr alt ist und schnell auf Bedrohungen reagiert. Die Amygdala aktiviert automatische Verhaltensweisen wie Kampf oder Flucht. Sie erfüllt damit eine sehr wichtige Funktion, ohne die wir als Menschen nicht überlebt hätten. Der zweite Akteur ist der präfrontale Kortex, also der Bereich hinter unserer Stirn. Der ist entwicklungsgeschichtlich sehr jung und beim Menschen sehr groß. Der präfrontale Kortex hat keine so leicht definierbare Aufgabe, er ist eine Art Koordinator. Er sagt, wer wann die Führung übernimmt, wie ein Dirigent in einem Orchester. Nun stehen die Amygdala, das Angstzentrum, und der präfrontale Kortex, der Dirigent, in sehr engem Kontakt. Die Amygdala zeigt also an, dass etwas bedrohlich ist. Dann kommt der präfrontale Kortex und erlaubt der Amygdala, ihren Alarm sehr laut zu schlagen, weil er berechtigt ist, oder er teilt ihr mit, dass sie sich zurückhalten soll. Das ist ein faszinierender Vorgang, der zeigt, wie flexibel die Abläufe in unserem Gehirn sind. Wenn nun der präfrontale Kortex seine Aufgabe nicht richtig erledigen kann, gibt es niemand mehr, der der Amygdala Einhalt gebietet. Dann sind unser Denken und Handeln stark von Angst geprägt, was nicht in jedem Fall sinnvoll ist. In einer Studie fand ich zum Beispiel heraus, dass ängstliche Probanden im Bereich des frontalen Kortex verstärkte Aktivierung zeigen, bevor sie eine riskante Entscheidung treffen. Je aktiver der frontale Kortex, desto vorsichtiger verhielten sich die Probanden (Schmidt et al., 2018 https://doi.org/10.1111/psyp.13210).

Warum reagieren die Menschen so unterschiedlich? Einige werden zu Egoisten (Stichwort Hamsterkäufe), während sich andere engagiert und solidarisch verhalten?

Hier kommt die individuelle Persönlichkeit ins Spiel. Jeder von uns hat spezifische Verhaltensmuster, die sich stark unterscheiden können. In einer entspannten Lage können wir uns relativ gut regulieren, so dass wir sozial nichtakzeptables Verhalten unterdrücken können. Hier ist auch wieder der präfrontale Kortex aktiv. Wenn eine Situation aber sehr stressig ist, und das ist im Moment der Fall, dann können wir unser Verhalten nicht mehr so gut regulieren. Die Kapazitäten, die uns ansonsten zur Regulation unseres Verhaltens zur Verfügung stehen, werden zur Verarbeitung der vielen neuen Informationen gebraucht, die gleichzeitig hereinprasseln. Dann kann es zu impulsiven Verhaltensweisen kommen. Auch hier möchte ich wieder auf den Aspekt der Bewertung verweisen. Hier kann helfen, wenn man sich in einem ruhigen Augenblick die Faktenlage ganz objektiv ansieht und feststellt, dass wir im Moment zwar viele Einschränkungen unserer persönlichen Freiheit erfahren, aber dass unsere Versorgung mit Lebensmitteln weiterhin gewährleistet ist. Dazu empfehle ich auch, die Informationen, die zur Bewertung der aktuellen Lage wichtig sind, aus seriösen Quellen zu beziehen. Und beschränken Sie die Zeit, in der Sie sich über die aktuelle Lage informieren.

Gibt es Massenängste? Also Ängste, die von Mensch zu Mensch „übertragen“ werden?

Das hört sich an, als wäre Angst so etwas wie ein Virus. Das denke ich nicht. Allerdings ist auch das Verhalten anderer Menschen um uns herum eine Informationsquelle, die uns Hinweise gibt, wie wir eine aktuelle Situation bewerten sollen.

Was steckt hinter solcher Hysterie?

Wir beobachten Menschen, die sich auf eine bestimmte Weise verhalten und ziehen daraus unsere Schlüsse. Wenn also viele Menschen Toilettenpapier kaufen, dann ziehen wir den Schluss, dass das jetzt angebracht ist. Hier spielt auch eine Rolle, dass wir vermuten, dass die Toilettenpapierkäufer vielleicht über Informationen verfügen, die wir selbst nicht haben. Das spielt sich alles aber nicht besonders überlegt ab, sondern das sind automatisierte Verhaltensweisen.

Wie lässt sich die „Angstkette“ durchbrechen und ein „normaler“ Zustand herstellen?

Die Angstkette lässt sich durchbrechen, indem wir auf unseren langsamen, bewussten, zweiten Verarbeitungsmodus zurückgreifen. Ich habe ja bereits gesagt, dass wir in als bedrohlich bewerteten Situationen oft impulsives Verhalten zeigen. Das ist dann der schnelle, unbewusste, erste Verarbeitungsmodus, der stark von automatischen Verhaltensweisen geprägt ist. Der zweite Verarbeitungsmodus ist langsamer und braucht eine gewisse Ruhe. Meine Empfehlung hier ist, sich Zeit zu nehmen, um ruhig zu werden. Dann in Gedanken die Fakten auf den Tisch legen und daraus ableiten, was jetzt zu tun ist. Ich gebe zu, dass das nicht einfach ist. Da ich mich viel mit Hypnose beschäftige, habe ich hierzu einen besonderen Tipp. Ich habe Ihnen eine Audio-Aufnahme einer Hypnose-Sitzung aufgenommen, während der Sie sich entspannen können und in der ich das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit suggeriere. Ich lade Sie herzlich dazu ein, sich etwa eine halbe Stunde Zeit zu nehmen, sich in einen bequemen Stuhl zu setzen und der Audio-Aufnahme zuzuhören. Den Text habe ich bereits in zwei wissenschaftlichen Studien erfolgreich eingesetzt.

Neben der Angst vor einer Ansteckung mit vielleicht schlimmsten Folgen kommen zusätzlich Ängste auf: um die Gesundheit von Angehörigen und Freunden, um die soziale Basis, wenn die Wirtschaft vielleicht einbricht, oder um den eigenen Arbeitsplatz. Was kann man selbst, was die Politik und die Familie oder Freunde dagegen tun?

Hier finde ich es sehr hilfreich daran zu denken, dass Menschen sehr anpassungsfähig sind. Klar würden wir gerne haben, dass sich wenig ändert und wir uns nicht anpassen müssen. Das können wir uns aber nicht immer aussuchen. Fakt ist, dass wir uns anpassen können. Und zwar sehr gut. Mir hilft außerdem, dass ich meine Tätigkeit als Wissenschaftlerin so gerne ausübe, dass ich darin ein höheres Ziel sehe. Es gibt eine Ansicht in der Therapie, dass es uns hilft, nach einem Sinn zu streben. Nach dem Motto: Hauptsache, ich weiß, wofür ich das mache. Nutzen Sie die Zeit, um zu überlegen, was Ihnen wirklich wichtig ist und investieren Sie Ihre Kraft dort. Sie werden daran wachsen und sich besser fühlen. Der Fokus liegt dann auch nicht mehr auf Ihnen als Person mit all den Gefühlen der Angst oder Ohnmacht, sondern auf dem Ziel, das Sie erreichen wollen. Machen Sie sich bewusst, dass Sie viele Dinge immer noch aktiv beeinflussen können. Sie können Ihre Hände gründlich waschen. Sie können Abstand halten. Sie können den Kontakt mit anderen Personen über das Telefon halten und ihnen Hoffnung und Zuversicht spenden. Überlegen Sie sich, wo Ihre Stärken liegen und setzen Sie diese für andere ein.

Zum Abschluss eine ganz persönliche Frage: Welche Angst hatten Sie und wie konnten Sie sie minimieren?

Gestern hatte ich Angst, dass meine Pflanzen im Garten erfrieren. Ich habe sie daraufhin ins Haus gestellt. Das hört sich jetzt sehr banal an, aber ich mag das Beispiel, weil es nochmal ohne zu viel Aufregung in den Fokus rückt, was ich Ihnen gerne mitgeben will. Angst hat damit zu tun, wie wir eine Situation bewerten. In meinem Fall habe ich in den Nachrichten gehört, dass es nachts sehr kalt wird und daraus geschlossen, dass es gefährlich für meine Pflanzen ist, wenn sie draußen bleiben. Dann kommt der Schritt: Was kann ich jetzt tun? In meinem Fall war es, die Pflanzen ins Haus zu holen. Heute sehe ich, dass es den Pflanzen gut geht. Natürlich weiß ich nicht, ob meine Pflanzen draußen tatsächlich erfroren wären. Das ist ein ganz spannender Aspekt: Wir verhalten uns auf eine bestimmte Weise und daraus folgen bestimmte Konsequenzen. Aus diesen Konsequenzen folgern wir dann, ob unser Verhalten richtig war. In meinem Fall würde ich sagen, das Verhalten war richtig, weil es meinen Pflanzen gut geht. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, dass Sie die Kraft finden, sich jetzt auf eine Art verhalten zu können, die Sie im Nachhinein als richtig bewerten können.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf der Website der Universität Jena.