„Diese Krise ist wirklich neu für uns“

Waren werden nicht produziert, Produkte nicht gekauft, Dienstleistungen nicht in Anspruch genommen – weite Teile der Weltwirtschaft stehen derzeit still. Was bedeutet dieser massive Einschnitt für unser ökonomisches System? Der Volkswirt Prof. Dr. Andreas Freytag bewertet im Interview das Ausmaß der Krise und erklärt, welche Fehler wir vermeiden und welche Chancen nutzen sollten – und warum er nichts von Corona-Bonds hält.

Herr Freytag, Sie waren während des Ausbruchs der Pandemie im Ausland unterwegs. Konnten Sie einigermaßen unkompliziert nach Deutschland zurückkehren? Wie haben Sie die Zeit in der Quarantäne erlebt?

Im Rahmen meiner Honorarprofessur an der Universität Stellenbosch in Südafrika war ich dort für mehrere Wochen, um an zwei größeren Projekten zu arbeiten. Die erste Woche verlief ganz normal, ab dem 15.3. wurde es in der Stadt sehr ruhig, weil die südafrikanische Regierung dann sehr strikte Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie einleitete (als erst ungefähr 60 Infektionsfälle bekannt waren). Trotz des globalen Zugangs zu deutschen Medien war die Situation in Deutschland sehr schwierig zu beurteilen. Die Rückkehr war noch einigermaßen unkompliziert. Die zweiwöchige Quarantäne hier in Jena habe ich recht entspannt erlebt, verbunden mit viel Arbeit am heimischen Schreibtisch, darunter unglaublich viele virtuelle „Meetings“ auf ganz neuen Plattformen, und reichlich Zeit zum Lesen und Musikhören. Es wäre aber auch sehr unangemessen für Angehörige meiner Berufsgruppe, über diese Einschränkung ernsthaft zu klagen. Dennoch ist meines Erachtens atemberaubend zu sehen, mit welcher Leichtigkeit sich mancher Minister oder Bürgermeister über Bürgerrechte hinwegsetzen möchte.

Weite Teile der Weltwirtschaft stehen aktuell still. Fällt Ihnen trotz aller Einzigartigkeit ein historischer Vergleich für diese Situation ein, der uns die Lage einordnet?

Ich selber kann mich an eine vergleichbare Situation in meinem Leben nicht erinnern. Die globale Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008 ist als Nachfragekrise völlig anders zu bewerten als der gerade vorliegende Angebotsschock. Die Menschen wollen durchaus konsumieren, finden aber gerade kein Angebot vor. Es liegen auch keine politischen Schocks wie eine Ölkrise oder ein Bürgerkrieg vor. Diese Krise ist wirklich neu für uns. In meiner Vorstellung trifft das Bild einer Kriegswirtschaft, die sämtliche nicht systemrelevante Produktion zurückstellt, die Situation am ehesten, abgesehen davon, dass es weder Tote und Verletzte noch Sachschäden durch kriegerische Auseinandersetzung zu beklagen gibt. Vor allem der 100-prozentige Verdienstausfall für manche Dienstleistungssektoren wie den Tourismus ist einmalig in dieser Dimension und kann in der Zukunft kaum wieder am Markt ausgeglichen werden – anders als bei Gütern, deren Konsum durchaus nachgeholt werden kann.

Wie bewerten Sie die Krisenpolitik der Bundesregierung, insbesondere mit Blick auf die Hilfsmaßnahmen in der Wirtschaft?

Die Krisenpolitik empfinde ich persönlich als relativ souverän, auch wenn heute offenbar wird, dass man besser vorbereitet hätte sein können. Immerhin hat der Bundestag bereits 2012 eine Risikoanalyse „Pandemie durch Virus Modi-Sars“ unter Federführung des Robert-Koch-Instituts (http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/17/120/1712051.pdf) durchführen lassen. Was die wirtschaftspolitische Reaktion angeht, so kann man der Regierung schon ein Lob für schnelle und umfassende Maßnahmen aussprechen. Aber es kommt nun darauf an, die Hilfen auch schnell an die Unternehmen zu bringen; hier scheint es zu hapern. Das ist gerade für Kleinunternehmen ein großes Problem. Bei vielen Einzelunternehmen kommt es eher auf Tage als auf Wochen an.

Eine Rezession scheint in dieser Phase unvermeidlich. Wie schnell werden wir uns daraus befreien?

Ohne Rezession wird es nicht ablaufen, das ist jetzt schon klar. Das ifo-Institut hat genau gerechnet (https://www.ifo.de/publikationen/2020/aufsatz-zeitschrift/die-volkswirtschaftlichen-kosten-des-corona-shutdown) und die Schwere der Rezession ganz wesentlich von der Länge des Shutdown abhängig gemacht. Im pessimistischen Szenario ergibt sich ein Verlust an Bruttoinlandsprodukt von 20 Prozent. Das heißt übrigens nicht, dass jeder 20 Prozent verliert; die Folgen sind asymmetrisch in der Bevölkerung verteilt. Die vom ifo-Institut gerechneten Szenarien halte ich für nachvollziehbar. Wenn es gelingt, die Wirtschaft noch vor der Sommerpause wenigstens teilweise wieder hochzufahren, rechne ich nicht mit einer jahrelangen Rezession. Ganz im Gegenteil, die Zuwachsrate des Bruttoinlandsprodukts dürfte im nächsten Jahr recht hoch sein, was natürlich mit dem starken Einbruch in 2020 zusammenhängt. Wie schnell das Vorkrisenniveau erreicht werden kann, kann man kaum vorhersagen. Denn es kommt auch auf die Entwicklung der Weltwirtschaft an, gerade für ein exportabhängiges Land wie Deutschland und angesichts der vielfältigen Verflechtungen in globalen Wertschöpfungsketten.

Welche Fragen gilt es am dringlichsten zu beantworten, damit die Wirtschaft wieder Fahrt aufnehmen kann? Welche Fehler gilt es zu vermeiden?

Die Art und Weise der Beendigung des Shutdown und das Verhalten der Menschen danach werden verantwortlich für den Erfolg sein. Es wird sehr wichtig sein, die Lockerung unter Berücksichtigung epidemiologischer Erkenntnisse durchzuführen, ohne gleichzeitig Beschränkungen aufrechtzuerhalten. Ich hielte es aber für einen schweren Fehler, den Shutdown zu spät zu beenden; die sozialen Folgen wären unabsehbar. Die verbeamteten Entscheidungsträger und Berater müssen sich unbedingt einmal in die Haut derer versetzen, deren Einkommen jetzt am seidenen Faden hängt. Genauso wichtig wie der wirtschaftliche Neustart ist dabei die vollumfängliche Wiederherstellung aller Bürgerrechte, auch für die wirtschaftliche Entwicklung. Versammlungsverbot, Ausgangssperren sowie eine eventuelle Telefonüberwachung, selbst wenn sie freiwillig wäre, müssen komplett zurückgenommen werden. Das heißt aber auch, dass Großveranstaltungen – in Sport und Kultur sowie Demonstrationen – bald wieder möglich sein müssen. Bestimmt kann man das so organisieren, dass ein gewisser Schutz gewährleistet wird.

Fehlt durch die jetzt aufkommenden Staatsschulden, die sich durch mögliche Konjunkturpakete ja noch vergrößern könnten, jetzt auf Jahre hinaus Geld für wichtige Maßnahmen, etwa im Infrastrukturbereich?

Das glaube ich nicht. Es ist allen Bürgern, sei es in ihrer Funktion als Nutzer öffentlicher Infrastruktur, Steuerzahler oder Anleger, sehr bewusst, dass diese Situation eine echte Ausnahmesituation auf globaler Ebene ist. Wichtig ist es natürlich, dass die Fiskalpolitik nach der Krise schnell wieder nachhaltig wird. Der im Vergleich zur Vorkrisenzeit höhere Schuldenstand wird aber angesichts der besonderen Lage nicht als schwerwiegende Bremse staatlicher Aktivität wirken. Es wird nun länger dauern, wieder auf den Schuldenstand vor der Krise zurückzukehren, aber es wird die Politik kurzfristig nicht beeinträchtigen. Richtig ist aber, dass der in den letzten Jahren eingeschlagene Stabilitätspfad wieder aufgenommen werden muss. Denn nur durch die gute Haushaltslage im Frühjahr 2020 war die Bundesregierung überhaupt in der Lage, die entschlossene fiskalische Antwort auf die Krise zu geben.

Können wir die Ausnahmesituation auch als Chance begreifen? Für welche grundlegenden wirtschaftspolitischen Veränderungen wäre genau jetzt bzw. nach der Pandemie der richtige Zeitpunkt? 

Ich halte es für geboten, die Nachkrisenzeit dafür zu nutzen, wirtschaftspolitische Reformen in Gang zu bringen, die die marktwirtschaftliche Ordnung stärken. Diese Ordnung ist in den vergangenen Jahren erheblich aufgeweicht worden; die negativen Folgen wären ohne Corona-Krise vermutlich ohnehin bald zu erkennen gewesen. Das umfasst das System der Alterssicherung, das Regulierungsregime – Stichwort Bürokratieabbau oder Handwerksordnung –, das Steuersystem, die Energie- und Klimapolitik und die internationale Handelsordnung. Sie können das in meiner WirtschaftsWoche-Kolumne der vorletzten Woche alles nachlesen: https://www.wiwo.de/politik/deutschland/freytags-frage-welche-wirtschaftspolitik-hilft-nach-beendigung-der-krise/25687954.html. Außerdem sollte die Europäische Zentralbank nach der Krise die Basisgeldmenge, die durch Maßnahmen gegen die Eurokrise und das Pandemic Emergency Purchase Programme (PEPP) stark gewachsen ist bzw. weiter wachsen wird, schnellstmöglich wieder verkleinern. Wenn nämlich die Nachfrage nach Gütern und Diensten direkt nach der Krise schneller steigt als das Angebot (wegen etlicher Firmenpleiten), droht erst einmal Inflation. Dann wären wir gleich in der nächsten Krise.

Nur mit marktwirtschaftlicher Dynamik können die Verluste der Krise schnell wieder aufgeholt werden und neue Arbeitsplätze für diejenigen geschaffen werden, die ihren Arbeitsplatz gerade verlieren oder noch verlieren werden. Es wird ein erheblicher Strukturwandel, das heißt konkret viele Insolvenzen, Arbeitsplatzverluste und die Notwendigkeit für Unternehmensneugründungen, zu bewältigen sein, der Dynamik braucht. Da die anderen Probleme der Zeit – beispielsweise der demografische Wandel und der Klimawandel – sich von der Corona-Krise nicht bremsen lassen werden, bedarf es auch deshalb einer dynamischen Wirtschaftsentwicklung und der innovativen Kraft des Wettbewerbs, um nach Lösungen zu suchen.

Derzeit ist immer wieder von Marktversagen die Rede, da dringend benötigte medizinische Produkte zu horrenden Preisen gehandelt werden. Trifft der Vorwurf zu?

Überhaupt nicht. Die Märkte funktionieren genauso, wie man es erwarten kann: Die bestehenden Knappheiten übersetzen sich in steigende Preise, was wiederum zahlreiche Produzenten dazu bewegt, ihre Produktion auf die nachgefragten Güter umzustellen. Je mehr neue Produzenten einsteigen, desto schneller fällt der Preis wieder. Mit Marktversagen hat das nichts zu tun. Der Begriff Marktversagen ist genau definiert und beschreibt gerade nicht irgendwelche uns unsympathischen Ergebnisse. Es handelt sich um technische Probleme, die dazu führen, dass es nicht gelingt, Angebot und Nachfrage zusammenzubringen: Externalitäten, asymmetrische Informationen und natürliche Monopole.

Was Sie ansprechen, ist ein Unbehagen darüber, dass lebensnotwendige Güter auf einmal so viel teurer geworden sind. Das gefällt mir auch nicht. Ich sehe aber keine funktionierende Alternative. Der Markt ist ein Instrument der Allokation von Gütern, Diensten und Ressourcen, das sich als das am besten wirksame herausgestellt hat – er ist nicht per se moralisch oder unmoralisch. Es gibt immer Unternehmen, die solche Vorteile für sich nutzen, aber viele tun es auch nicht. Es wäre in diesem Zusammenhang naiv, von chinesischen Produzenten, die eine enorm gestiegene Nachfrage aus der ganzen Welt – vor allem aus dem Westen – bedienen können, zu erwarten, dass sie die Situation nicht ausnutzen. Es ist vermutlich richtiger, das Problem als ein Staatsversagen aufzufassen. Die Gefahr einer Pandemie war zwar bekannt, aber offenbar in den Köpfen der Akteure nicht präsent.  Daraus muss man Lehren für die Zukunft ziehen. Es war auch nicht klug, die Nachfrage nach einfachen medizinischen Produkten wie Masken auf Anbieter aus China zu konzentrieren. Daraus muss man Lehren für die Zukunft ziehen

Viele dieser Produkte, wie Schutzmasken und -kittel sowie Medikamente, werden in China hergestellt. Können Sie sich vorstellen, diese Waren wieder verstärkt im Inland zu produzieren, die Globalisierung wieder etwas zurückzufahren?

Das ist nicht leicht zu beantworten. Das Beispiel zeigt, dass es sinnvoll ist, seine Bezugsquellen zu diversifizieren – dies gilt für Regierungen wie auch für Unternehmen. Dennoch spricht vieles dafür, Produkte dort zu kaufen, wo sie am preisgünstigsten hergestellt werden. Das ist bei den genannten Gütern in Deutschland nicht der Fall. Kauft man sie hier, hat das Gesundheitswesen weniger Mittel für andere – möglicherweise genauso lebenswichtige – Güter und Dienste zur Verfügung. Auch eine stark erhöhte Vorratshaltung mit dem Ziel, auf zukünftige Krisen vorbereitet zu sein, ist nicht einfach möglich. Man bindet erhebliche Ressourcen, die anders möglicherweise sinnvoller eingesetzt sind. Zudem veralten viele Technologien recht schnell, so dass große Vorräte schnell wertlos werden könnten. Außerdem ist es eine Eigenschaft von Krisen, unerwartet zu sein und die Menschen bzw. die Politik unvorbereitet zu treffen. Es ist also keineswegs garantiert, dass wir uns mit gezielter Lagerhaltung auf die „richtige Krise“ vorbereiten.

Es wird darum gehen, einen klugen Mix von nationaler Bevorratung, internationalen Abkommen auf der Ebene der Weltgesundheitsorganisation und diversifizierten möglichst langfristigen Abnahmeverträgen für lebenswichtige Güter zu finden. Ich halte aber nichts davon, als Reaktion auf die Krise mit künstlichen Maßnahmen, also Handelsbarrieren, die Lieferketten auf Europa oder gar Deutschland zu beschränken. Es kann durchaus sein, dass durch die fortschreitende Digitalisierung Wertschöpfungsketten wieder kürzer werden. Solange der Prozess sich ohne politische Eingriffe vollzieht, stellt das kein Problem dar. Wichtig ist der Wettbewerb und die Diversifizierung. Wenn es genügend Wettbewerb auf den (Welt)-Märkten gibt, spricht nichts dagegen, auch weiterhin auf globale Wertschöpfungsketten zu setzen.

Der Begriff Systemrelevanz hat derzeit Konjunktur – Berufsgruppen etwa im medizinischen und Pflegebereich sowie im Einzelhandel rücken dabei in den Vordergrund. Wird sich diese Wertschätzung langfristig auch finanziell ausdrücken, ohne dass staatliche Gelder dafür fließen müssen? Wird der Effizienzgedanke (in Bezug auf die Wirtschaftlichkeit) im Gesundheitssystem zurückgedrängt werden? 

Ich sehe, dass es mehr Druck dahingehend geben könnte, Pflegekräfte und andere gerade sehr stark belastete Berufsgruppen besser zu bezahlen und ihre Arbeitsbedingungen zu verbessern. Das ist schon einmal positiv. Viele Pflegekräfte sind in öffentlichen Einrichtungen beschäftigt und die politischen Entscheidungsträger haben es durchaus in der Hand, hier einen Prozess in Gang zu setzen. Der Freistaat Thüringen könnte beispielsweise vorangehen und die Gehaltsstrukturen und Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen an die Anforderungen anpassen. Das ist aber – so weit ich es verstehe – ein sehr komplexer Prozess, der sich auf Abrechnungssysteme, Beiträge der Kranken- und Pflegeversicherung und die Arbeitsabläufe im Gesundheitssystem auswirken wird. Dennoch ist es eine Frage der Priorisierung. Übrigens: Wenn die öffentliche Hand vorangeht, muss der gesamte Sektor nachziehen, weil öffentliche Arbeitgeber dadurch einen Sog auf Arbeitskräfte aus privaten Einrichtungen ausüben würden.

Was Effizienz angeht, wäre es aber fahrlässig, ineffizient zu sein, denn das bedeutete Verschwendung. Also würden mit den verfügbaren Mitteln zu wenige Menschen behandelt oder die Behandlung einer gegebenen Zahl von Menschen wäre teurer als möglich. In diesem Zusammenhang werden regelmäßig zwei Dinge durcheinandergebracht, nämlich die Effizienz und die Gewinnabsicht. Die Gewinnabsicht ist durchaus ambivalent zu sehen, denn einerseits sorgt sie für ein preiswürdiges Angebot. Wenn andererseits aber private Eigentümer vom Krankenhauspersonal eine bestimmte Kapitalrendite verlangen, kann es dazu führen, dass am Personal oder anderswo gespart wird und die Qualität der Behandlungen dadurch sinkt. Also könnten höhere Löhne für Pflegepersonal zu weiteren Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen oder Einsparungen an Personal führen. Das ist eine Frage der Regulierung des Sektors durch die Politik. Es muss aber getrennt von der Effizienz betrachtet werden. 

Europa ist während der Pandemie nicht gerade zusammengerückt. Einmal mehr wurden Entscheidungen vor allem in den Nationalstaaten getroffen. Und auch für die Bewältigung der folgenden Wirtschaftskrise zeichnen sich bereits erhebliche Konflikte ab – Stichwort: Corona-Bonds. Wie kann die Europäische Union jetzt wieder näher als Einheit agieren, um die Folgen der Krise zu meistern?

Ich teile Ihren Pessimismus nicht. Man muss festhalten, dass die Corona-Krise überall zeitgleich stattfindet. Da muss erst einmal jede Regierung sich um ihr eigenes Land kümmern. Und ob es wirklich so sein sollte, dass in Brüssel Entscheidungen gebündelt werden, ist mehr als fraglich. Dagegen spricht das Subsidiaritätsprinzip, das besagt, dass Entscheidungen auf der Ebene der Betroffenheit, also möglichst nahe an den Menschen, getroffen werden sollen. Ein konkretes Bespiel: Unsere hiesigen Ausgangsbeschränkungen können in einer Stadt, in der die Universität der größte Arbeitgeber ist, leichter ertragen werden als anderswo. Hier wird in großem Stil von zuhause aus gearbeitet. An Industriestandorten ist der Shutdown weit unangenehmer. Oder: Die wirtschaftspolitischen Reaktionen in Deutschland sind auf unser institutionelles Umfeld ausgerichtet – in Frankreich wären sie vermutlich weniger effektiv (und umgekehrt). Denn während hier der Mittelstand das Rückgrat der Volkswirtschaft bildet, sind es in Frankreich vor allem Großunternehmen. Dort, wo europäische Politik Sinn macht, greift die Kommission ja durchaus ein; ich denke besonders an das europäische Kurzarbeitergeld.

Was die Solidarität angeht, so wird sie oftmals stark instrumentalisiert, vor allem wenn Regierungen unter Druck sind. Corona-Bonds werden aus Rom und Paris nicht deshalb gefordert, weil sie wirklich notwendig wären. Denn angesichts eines ESM-Topfes, in dem 410 Milliarden Euro abrufbar sind, sowie des Pandemie-Notfall-Kaufprogramms (PEPP) der EZB von 750 Milliarden Euro besteht zunächst kein Bedarf an weiteren Mitteln. Vielmehr geht es in Rom und Paris vermutlich darum, die rechtspopulistische Opposition im Zaum zu halten. Das gilt übrigens auch für uns, allerdings müssen wir dafür Corona-Bonds verhindern, um den Populisten kein neues Thema zu geben.

Aber auch ökonomisch macht Gemeinschaftshaftung wenig Sinn; sie verzerrt die Anreize für Politiker aus allen europäischen Ländern in Richtung Mehrausgaben. Hier geht es nicht um einen Streit zwischen dem „frugalen Norden“ und dem „verschwenderischen Süden“ Europas – beides nur Schimären –, sondern für jede Regierung ist Verschuldung attraktiver, wenn Steuerzahler anderer Länder dafür haften müssen. Deshalb ist es jetzt wichtig, dass die Regierungen mit der Europäischen Kommission gemeinsam die vorhandenen Möglichkeiten nutzen und dies als Beleg für europäische Solidarität gelten lassen. Gegenseitige Schuldzuweisungen und wortreiches Moralisieren hilft uns nicht weiter.

Sie beschäftigen sich in Ihrer wissenschaftlichen Arbeit auch intensiv mit der Wirtschaft auf dem afrikanischen Kontinent. Was bedeutet nach Ihrer Einschätzung die Pandemie und die damit verbundene Wirtschaftskrise für die Staaten dort?

Es gibt mehrere Probleme und einen Hoffnungsschimmer. Der Hoffnungsschimmer ist, dass Afrika bisher insgesamt weniger von der Pandemie betroffen ist als andere Kontinente. Das könnte erstens mit den Erfahrungen aus der Ebola-Pandemie und den daraufhin beschlossenen Maßnahmen und Politiken zusammenhängen, zweitens mit einer in der jüngeren Vergangenheit recht erfolgreichen Armutsbekämpfung.

Kritisch ist zu sehen, dass es gerade in den dicht besiedelten Townships in den großen Städten Afrikas unmöglich ist, sich voneinander zu distanzieren und zu isolieren. Dazu kommt, dass die Gesundheitssysteme nicht sehr leistungsfähig sind. Drittens sind auch die Systeme der sozialen Sicherung eher schwach, so dass sich lange Ausgangssperren schon deshalb gar nicht durchsetzen ließen, weil die Menschen wieder arbeiten müssten. Schließlich wird dies alles dadurch verstärkt, dass durch den Shutdown in den Industrieländern gerade Märkte für afrikanische Produkte wegbrechen.

Kritisch könnte auch die Nachkrisenphase werden. Nach der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise haben viele G20-Länder Zuflucht in Handelsbarrieren gesucht; man kann deutlich einen Trend zu stark verzerrenden nicht-tarifären Barrieren sehen. Regelmäßig sind die Produkte aus Entwicklungsländern, vor allem Lebensmittel und Textilien, am stärksten davon betroffen. Das trifft wiederum die Ärmsten bei uns, weil sie einen relativ hohen Anteil ihres Einkommens dafür ausgeben müssen. Aber vor allem trifft es die afrikanischen Produzenten, die weniger in die G20-Länder verkaufen können. Die Konsequenzen wären auch für uns weitreichend: wieder zunehmende Armut, Konflikte, Wanderungsbewegungen.

So verheerend das Virus und seine Folgen sind, so wirft so eine Ausnahmesituation sehr viele Forschungsfragen auf. Wie schauen Sie als Wissenschaftler auf die Krise? Kristallisieren sich bereits Fragestellungen heraus, denen Sie intensiver nachgehen werden?

In der nationalen Wirtschaftspolitik wird es interessant zu beobachten, wie der Staat Unternehmen vor dem Konkurs bewahrt, in dem er sich beteiligt. Wir werden sicherlich  einige Teilverstaatlichungen erleben. Nach der Krise sollte der Staat sich schnell von diesen Beteiligungen trennen, was gar nicht so leicht ist: Die Bundesregierung hat sich vor gut zehn Jahren an der Commerzbank beteiligt und ihr Aktienpaket bisher noch nicht wieder verkauft.

Eine noch spannendere und für uns in Europa geradezu existentielle Frage betrifft die zukünftige Ordnung internationaler Beziehungen. Bereits vor der Krise hat sich China als ein wichtiger Akteur etabliert, indem es andere Länder in Abhängigkeit zu China brachte; denken Sie nur an die „Neue Seidenstraße“. Gleichzeitig ziehen sich die Vereinigten Staaten immer weiter aus ihrer Rolle als Garant einer liberalen Weltordnung zurück. Wie verändert die Krise diese Dynamik? Ist sie überhaupt aufzuhalten? Welche Rolle spielt in Zukunft die Europäische Union, welche die G7 und die G20?

Das ist wiederum auch wirtschaftspolitisch überaus bedeutsam und hat mit Sicherheit auch Konsequenzen für den internationalen Handel und die Welthandelsorganisation. Ich bin Teil eines internationalen Forschungsnetzwerkes, das sich mit der seit der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise zunehmenden Erosion der Welthandelsordnung befasst. Es ist politisch immer leichter, Handelsbarrieren aufzubauen als sie später wieder zurückzunehmen. Es muss nach Beendigung des Shutdowns schnell gelingen, die internationale Arbeitsteilung (vulgo: Globalisierung) wieder in Gang zu bringen. Ansonsten fallen Millionen von Arbeitsplätzen auf allen Kontinenten dauerhaft weg.