Freies Entscheiden ist mehr als bloßes Auswählen

Der Philosoph und Hegel-Experte Klaus Vieweg sieht hinter der aktuellen Debatte über die Beschneidung von Freiheitsrechten zur Eindämmung der Corona-Pandemie einen falsch verstandenen Freiheitsbegriff. Er verweist auf Georg Wilhelm Friedrich Hegel, dessen Geburtstag sich in diesem Jahr zum 250. Mal jährt. Laut Hegel ist Freiheit untrennbar mit Vernunft verknüpft – bei den gegenwärtigen Kontaktsperren könne man nicht von massiven Einschränkungen von Freiheit sprechen, sondern von einer zeitweiligen, der Notsituation angemessenen Begrenzung bestimmter Rechte. Schließlich ist die Sicherung der Gesundheit ein fundamentales Freiheitsrecht aller Bürger.

Sie nennen Hegel den Philosophen der Freiheit, doch aktuell werden Freiheiten massiv beschränkt. Empfinden Sie das persönlich ebenfalls so?

Der Begriff Freiheit als ein Kernbegriff der Philosophie ist in der Kürze schwer zu erklären. Die Behauptung, der Staat beschneide die Freiheit der Einzelnen, ist auch ein Ergebnis der vorherrschenden Fehldeutung von Freiheit. Es wird eben nicht präzise zwischen Freiheit und Auswählen von Varianten unseres Tuns unterschieden. Es herrscht die falsche Meinung, die Freiheit überhaupt sei dies, dass man tun könne, was man wolle. Was an staatlichen Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie Vernünftiges unternommen wird, wie etwa die Einschränkung sozialer Kontakte und der Bewegungsmöglichkeit, ist keinesfalls bloße Beschränkung von Freiheit, sondern dient der weitgehenden Gesunderhaltung der Menschen.

Hier wird wohl in ein sonst bestehendes Gesetzesgefüge eingegriffen, einem Ausnahmezustand angemessen. Dies geschieht zum Zwecke der Sicherung und Garantie des Rechts auf Leben und Gesundheit als einem fundamentalen Freiheitsrecht aller Bürger. Inhumanes Tun oder Verbrechen können, obwohl sie auf der Auswahl von Verhaltensmöglichkeiten beruhen, eben nicht als freies Handeln verstanden werden. Der Unterschied zwischen dem puren Wählen und dem freien Entscheiden sollte deutlich werden, das Gewicht des Nachdenkens, die Orientierung des freien Willens am Vernünftigen. Die Teilnehmer an Corona-Parties machen eben nicht ihr Recht auf freies Handeln geltend, sie handeln bloß willkürlich und verstoßen fundamental gegen die Freiheit, gegen die Rechte des Menschen.

Natürlich würde ich auch gerne jetzt Enkelin und Enkel besuchen oder hätte gerne in der vergangenen Woche die beiden vorgesehenen Vorträge an der Sorbonne in Paris gehalten.

Hätte Hegel Verständnis für die Einschränkungen im Alltag der Bürgerinnen und Bürger und die weitgehend stillgelegte Wirtschaft?

In Hegels Philosophie wird ein solches Geschehen als Notzustand oder Ausnahmesituation verstanden, worin sich eine Veränderung des ‚Normalen‘ vollziehen muss (Naturkatastrophe, Kriege, Epidemie). Einfaches Beispiel: Das Gewaltmonopol des Staates und damit der Ausschluss von Selbstjustiz gilt uns als hoher Wert. Im Falle der Notwehr, also einer bedrohlichen Notsituation für meine Gesundheit oder gar für mein Leben, kann dieses Prinzip zeitweilig und verhältnismäßig außer Kraft gesetzt werden – ich darf mich physisch gegen einen physischen Angriff wehren. Danach gilt wieder unbedingt das Gewaltmonopol des Staates. Eine Pandemie ist ebenfalls eine solche Ausnahmelage, die eine verhältnismäßige und zeitweilige Ausweitung der Quarantänevorschriften rechtfertigt. Dass dies schmerzliche Einschränkungen im Alltag und gewaltige Folgeschäden nach sich zieht, wird wohl kaum jemand bestreiten.

Nebenbei: Substantielle Rechte wie die Meinungs- oder Wissenschaftsfreiheit sehe ich nicht eingeschränkt.

Der Freiheitsbegriff scheint sich im Lauf der Zeiten zu wandeln; was oder wer bestimmt ihn?

Sofern sich Philosophie als Wissenschaft versteht, ist die Bestimmung des Freiheitsbegriffs eine ihrer Kernaufgaben. Die aus meiner Sicht wichtigste Stimme in dieser Debatte ist bis heute Hegel mit seiner Verknüpfung von Vernunft und Freiheit: Von einem freien Willen kann erst dann die Rede sein, wenn das Entschließen und Wählen des Tuns sich auf vernünftiges Denken gründet – ‚wer das Denken verwirft und von Freiheit spricht, weiß nicht was er redet‘.

Wenn wir — als weiße Europäer — über Freiheit sprechen, meinen wir möglicherweise etwas anderes als eine Näherin in einer Textilfabrik in Bangladesh oder ein Bauarbeiter in einem Stadion in Katar. Gibt es überhaupt einen universellen Freiheitsbegriff? Woran müsste er sich orientieren?

Philosophie in der modernen Zeit muss in weltbürgerlicher Absicht (Kant) denken und den unsäglichen Kulturrelativismus vermeiden. Die Definition des Menschen schlechthin gehört an die Spitze der modernen Verfassungen – der erste Satz des Grundgesetzes drückt dies aus: Die Würde des Menschen ist unantastbar, ewig, universell. In Hegels Worten: „Der Mensch gilt, weil er Mensch ist, nicht weil er Jude, Katholik, Protestant, Deutscher, Italiener usf. ist“, nicht weil weiblich oder männlich, weiß oder schwarz, alt oder jung, Asiate oder Europäer, Näherin aus Bangladesh oder Gastarbeiter in Katar ist. Dieses auf dem Denken fußende Bewusstsein hat für Hegel „unendliche Wichtigkeit“. Der Mensch als vernünftiges Selbstbewusstsein, ist zur Freiheit berechtigt, darin liege die Gleichheit des Rechts aller Menschen. Das ist das Fundament für den Universalismus, für den Hegel übrigens vom Nazi-Ideologen Alfred Rosenberg heftig angegriffen wurde.


Können wir darauf vertrauen, dass die Einschränkungen unserer Freiheit, die unter dem Vorzeichen der Corona-Krise vorgenommen werden, vollständig wieder entfallen, wenn die Pandemie zu Ende ist? Wie war das zu Hegels Lebzeiten, etwa wenn eine Seuche ausgebrochen war? Welche Instanz rief damals den Notstand aus und welche beendete ihn wieder?

Ja, darauf sollten wir in einem funktionierenden demokratischen Gemeinwesen vertrauen. Sollte dies jedoch nicht eintreten, so gibt es das unbedingte Recht auf Widerstand, auch ein grundlegendes Freiheitsrecht in einer Not- oder Ausnahmesituation. Zu Hegels Zeiten waren die Rechte der Bürger tatsächlich stark begrenzt. Nur heute sollten wir nicht von massiven Einschränkungen von Freiheit sprechen, sondern eben von der zeitweiligen, der Notsituation angemessenen Begrenzung bestimmter Rechte.

Nochmal zum Alltag in der Corona-Krise: Empfehlen Sie unseren Lesern, die freie Zeit zu nutzen und endlich mal die Phänomenologie des Geistes zu lesen oder ist eher Krimi-Lektüre angesagt?

In beiden Fällen handelt es sich um „Krimis“. Gerne empfehle ich Agatha Christie, Dorothy Sayers oder Rex Stout und besonders den in Jena spielenden Detektivroman „Mr. Spock und der malerische Doppelmord zu Königsleben“. Wir werden bald den detektivischen und philosophischen Spürsinn für die Lösungen der globalen und extremen Not- und Krisensituation dringend benötigen. Nur dazu müssen wir möglichst gesund bleiben!

Literaturhinweis:

Mehr über Leben und Werk des bedeutenden Philosophen schreibt Klaus Vieweg in seinem aktuellen Buch „Hegel. Der Philosoph der Freiheit“ (ISBN 978-3-406-74235-4).