„Wir können das Hamsterrad anhalten“

Die Beschleunigungsgesellschaft hat sich selbst stillgelegt: Geschäfte sind geschlossen, der Flug- und Autoverkehr erheblich eingeschränkt, Unternehmen und Dienstleister haben ihre Aktivitäten heruntergefahren und das alles innerhalb weniger Wochen. Doch was kommt nach der Coronakrise? Der Soziologe Prof. Dr. Hartmut Rosa sieht die Welt an einer historischen Weggabelung. Entweder bringt uns der Lockdown den Systemzusammenbruch oder es gelingt, auf den Wachstums- und Beschleunigungskurs der Vergangenheit zurückzukehren. Möglich ist aber auch ein dritter Weg: eine Entwicklung, bei der Märkte in politisches Handeln und kulturelles Gestalten eingebettet sind. Welche Tendenz sich durchsetzen wird, sieht Rosa offen.

Herr Rosa, Hand aufs Herz, hätten Sie gedacht, dass wir uns in einem Interview zu Ihren Gegenwartsanalysen einmal ernsthaft über eine radikale Entschleunigung unterhalten würden statt über Beschleunigung?  

Ehrlich gesagt: Nein, ich hätte das fast ausgeschlossen. Seit mehr als zweihundert Jahren drehen sich die Räder immer schneller, setzen wir mehr und mehr in Bewegung. Schauen Sie sich die Daten zu der Zahl der Autos, die weltweit unterwegs sind, die Zahl der Lastwagen, der Autobusse auf den Straßen, sogar zur Zahl der Zugreisenden, der Fahrradfahrenden, der U-Bahnen und der Schiffe an – der Containerschiffe ebenso wie der Kreuzfahrtschiffe: Sie zeigten tatsächlich alle nur in eine Richtung, nämlich Jahr für Jahr mehr davon, völlig gleichgültig, wie viele Klimakonferenzen wir abhalten oder wie viele Wachstumskritiken wir formulieren. Selbst Kriege haben diese Mobilmachung der Welt nicht aufgehalten. Und nun haben wir ganz ohne Gewalt und ohne Blutvergießen dieses wahnsinnige, immense Räderwerk einfach stillgestellt, innerhalb weniger Tage und Wochen. Das war für mich jedenfalls vollkommen unvorstellbar.

Was macht die Coronavirus-Pandemie gerade mit uns?

Zu sagen: „Sie stellt uns still“ ist erst einmal schon eine gute Beschreibung. Es ist, als wären gigantische Bremsen an die Beschleunigungsgesellschaft angelegt worden. Entscheidend finde ich allerdings, dass diese Bremsen sozialer Natur sind: Es ist ja nicht das Virus, das Flugzeuge vom Himmel holt, Fabriken stillstellt und Fußballspiele absagt. Es sind wir selbst: im Modus politischen Handelns. Deshalb möchte ich sagen: Wir machen gerade die Erfahrung, dass wir sehr wohl politisch handeln und Welt und Gesellschaft steuern können. Im Angesicht der Klimakrise haben wir uns als völlig machtlos erfahren: Egal, wen wir wählen und was wir denken, jedes Jahr steigen Ressourcenverbrauch und Emissionen. Und jetzt stellen wir fest: Man kann das Ding sehr wohl anhalten!

Allerdings wäre es natürlich falsch, die Corona-Krise einfach nur als große Entschleunigung zu interpretieren. Denn erstens ist sie an vielen Stellen mit existenzieller Angst und Not verbunden und an manchen sogar mit manifester Beschleunigung. Wer Angst um sein Leben oder seine ökonomische Existenz hat, erfährt das Geschehen nicht als Entschleunigung, sondern als Bedrohung. Und wer zum Beispiel alleinerziehend und berufstätig ist und drei kleine Kinder zu Hause hat, die nicht in die Kita können, ist nicht ent- sondern beschleunigt. Dennoch hat sich für sehr viele von uns die Weltreichweite radikal verkürzt: Der räumliche Horizont reicht nur noch bis zur Wohnungsgrenze oder zum Nachbargrundstück, und zeitlich können wir nicht mehr über eine oder zwei Wochen hinaus planen, weil wir nicht wissen, was dann sein wird. Aber unsere innere Haltung entspricht noch nicht dieser ‚Stillstellung‘: Wir sind immer noch im Aktivitätsmodus des Hamsterrades, im Aggressionsmodus der Welt gegenüber, nur findet diese Haltung im Moment oft kein Handlungsziel – dann flüchten wir uns panisch in die digitalen Welten, die weiter rauschen und -rasen: Wir surfen zur New York Times oder zur China Times oder zum Guardian, versenden hier ein lustiges Video, folgen dort einem Link, informieren noch schnell diese WhatsApp-Gruppe und jene: Damit simulieren wir die Aufrechterhaltung der Hamsterräder in einer Art Fluchtverhalten.

Geschäfte sind geschlossen, der Flugverkehr eingeschränkt, Unternehmen und Dienstleister fahren ihre Aktivitäten herunter und das alles innerhalb weniger Wochen. Ist das wirkliche Entschleunigung oder eher eine kurze „Vollbremsung“?

Was wir jetzt erleben ist keine Entschleunigung in dem Sinne, wie sie mir in meinem eigenen Denken vorschwebt – wobei ich noch einmal darauf hinweisen will, dass Entschleunigung gar kein zentraler Begriff bei mir ist – ich war noch nie scharf auf reine Langsamkeit. Meine Beschleunigungskritik galt dem Umstand, dass wir von Jahr zu Jahr schneller laufen müssen, nur um das Bestehende – die Arbeitsplätze, aber auch das Rentensystem, das Gesundheitssystem, das Bildungswesen, die Wissenschaft und die kulturellen Institutionen – zu erhalten.

Ich nenne das ein System dynamischer Stabilisierung: So wie ein Fahrrad nur stabil bleibt, wenn es sich vorwärts bewegt, ist unser gesellschaftlich-ökonomisches System nur stabil, wenn es wächst und beschleunigt. Bleibt ein Fahrrad stehen, fällt es um. Und diese Situation haben wir gerade: Wir halten ein System an, das sich nur durch Beschleunigung erhalten kann. Das führt zu einer massiven Systemkrise und zu dysfunktionalen Konsequenzen: Zusammenbruch der Märkte, Firmenschließungen, Arbeitslose usw.

Die Frage ist jetzt: Was tun wir in dieser Situation. Ich sehe drei Möglichkeiten: 1) Wir können nichts tun und schlittern in den Systemzusammenbruch. Das ist das schlimmste Szenario. 2) Wir versuchen, die Räder wieder in Gang zu setzen und auf den Wachstums- und Beschleunigungskurs zurückzugelangen. Das ist die von Politikerinnen und Ökonomen bevorzugte Variante. Das Problem dabei ist, dass das Steigerungsregime ohnehin schon instabil und prekär geworden war – erstens durch die ökologische Krise bzw. die Klimakrise, zweitens durch die ökonomische Krise, weil alle Versuche der Zentralbanken, durch zinsloses Geld die Wachstumsmotoren anzukurbeln, kaum noch gefruchtet haben, und drittens auch psychologisch dadurch, dass viele Menschen sich dem Burnout nahe fühlten oder ihn erlitten. Deshalb bin ich für ein 3) drittes Szenario, indem wir die Krise als einen historischen Bifurkationspunkt begreifen: Als Chance für einen Pfadwechsel. Wir müssen nicht so weitermachen wie bisher. Wir können Märkte wieder einbetten in politisches Handeln und kulturelles Gestalten.

Was macht es mit uns, dass viele Dinge im Moment nicht verfügbar sind, die uns sonst selbstverständlich erscheinen?

Nun ja, es führt zum Beispiel dazu, dass wir Klopapier hamstern. Tatsächlich bedeutet hamstern nichts anderes als den Versuch, die individuelle Verfügbarkeit über die gehamsterten Dinge auch in unsicheren Zeiten für möglichst lange Zeit zu sichern. Und dabei machen wir nun die Erfahrung, dass Leben immer unsicher ist, dass weder Rechtsansprüche noch Geld uns Dinge wirklich garantieren können. Wir mögen den Flug in den Süden gebucht und bezahlt haben – wir können jetzt trotzdem nicht fliegen. Wir können auch nicht zum Fußball, ins Konzert oder ins Kino. Sogar der Abiball ist abgesagt usw.

Welt wird in vielerlei Aspekten unverfügbar: Der verfügbare Raum ist auf die eigene Wohnung geschrumpft. Tatsächlich glaube ich, dass die Corona-Krise nur die Verdichtung und die Versinnbildlichung der Verfügbarkeitskrise ist, welche die moderne Gesellschaft unweigerlich erzeugt. In meinem kleinen Buch über ‚Unverfügbarkeit‘ gibt es ein kleines Kapitel, das letzte, das lautet: „Die Rückkehr der Unverfügbarkeit als Monster“. Die These dort lautet, dass unser Versuch, die Welt technisch, wissenschaftlich, ökonomisch und politisch verfügbar zu machen, unweigerlich dazu führt, dass absolut unverfügbare, unkontrollierbare ‚Monstren‘ entstehen. Ein Beispiel dafür ist die Atomkraft: Wir haben uns das Innerste der Materie technisch verfügbar gemacht – und mörderische Monstren in Form von Atombomben und explodierenden Kraftwerken erzeugt, deren Strahlung uns komplett unverfügbar ist.

Und so ist es bei Corona: Plötzlich tritt ein globales Monster auf, das wir wissenschaftlich nicht erforscht haben, das wir medizinisch nicht beherrschen, das wir politisch nicht regulieren können, das geltendes Recht außer Kraft setzt und das unübersehbare ökonomische Konsequenzen hat. Schlimmer noch: Es ist uns auch individuell unverfügbar insofern, als wir es nicht sehen, hören, riechen oder schmecken können: Ganz wie die Monster im Film kann es überall lauern, hinter jeder Ecke, es liegt gleichsam in der Luft, lauert auf der Türklinke, und es kann sein, dass der Mann dort drüben oder das Kind, das da auf uns zukommt, schon von der tödlichen Gefahr infiziert ist, die auf uns übergehen kann: Es ist ein Monster der Unverfügbarkeit, von der alle unsere Horrorfilme handeln.

Inwiefern kann uns der momentane Lockdown nützen – neben dem hoffentlich zu erreichenden Ende bzw. dem Abklingen der Pandemie?

Diese räumliche und zeitliche Verkürzung der Weltreichweite, diese unerwartete Stillstellung kann uns sowohl individuell als auch kollektiv zu ganz wichtigen Erfahrungen verhelfen. Individuell erleben wir gerade, dass es möglich ist, auch anders in Zeit und Raum gestellt zu sein als im Hamsterrad. Im bisherigen Leben bewegten wir uns fast immer im „Alltagsbewältigungsverzweiflungsmodus“: Wir arbeiteten To-do-Listen und Terminpläne ab. Ständig ging es darum, etwas zu erledigen, etwas zu optimieren, etwas zu verbessern. Jetzt passiert es zum ersten Mal seit langer, langer Zeit, dass sich unsere Terminkalender nicht immer dichter füllen, sondern auf phantastische Weise leeren: Dies ist abgesagt, jenes fällt aus, das da ist auch gestrichen. So entstehen Zeiträume, in denen wir nichts abarbeiten, niemandem hinterherhetzen müssen.

Das gibt uns die Gelegenheit, in einen anderen Modus zu wechseln: Auf eine Situation hören und antworten, ohne ergebnisorientiert zu sein, oder etwas im Sinn zu haben, das herauskommen soll. Man kann zum Beispiel ein Buch zur Hand nehmen, man kann ans Fenster treten, einen Brief schreiben, eine alte Schallplatte auflegen (denn das funktioniert nur gut in Momenten digitaler Abstinenz), einen Bekannten oder eine Tante anrufen: Ergebnisoffen, ohne Zweck, im Modus des Hörens und Antwortens. Das ist der Resonanzmodus: Nur in ihm kann Neues, Unerwartetes entstehen.

Und politisch machen wir gerade eine historische Erfahrung der Selbstwirksamkeit: Wir können politisch handeln, wir können sogar General Motors zwingen, Beatmungsgeräte herzustellen, wer hätte das gedacht: Wir können die Situation als einen historischen Resonanzmoment begreifen, indem wir im Sinne Hannah Arendts das Wunder menschlicher Generativität oder Natalität erfahren: Wir können Neues hervorbringen, Welt gemeinsam neu gestalten, ohne einen Plan abzuarbeiten, ohne einem eingefahrenen Pfad zu folgen, ohne das ewige mechanische Spiel von Aktion-Reaktion zu betreiben!

Was davon sehen Sie als nachhaltig – was erwarten Sie für die Zeit nach Corona?

Um es noch einmal zu sagen: Ich glaube, dass die Situation historisch wirklich offen ist: Jedes der drei genannten Szenarien kann eintreten, es gibt keine Gesetzmäßigkeit, die uns in die eine oder andere Richtung zwingt. Natürlich können wir annehmen, dass eine Gesellschaft, wenn sie aus der Krise kommt, so schnell wie möglich zum Vor-Krisen-Zustand zurückkehren will: Deshalb ist es wichtig, dass wir uns daran erinnern, dass auch der Vor-Krisenzustand schon höchst prekär war: Er war ökologisch nicht nachhaltig, er war ökonomisch höchst krisenhaft, politisch unbefriedigend und psychologisch prekär. Corona hat die Krise nur verdichtet. Deshalb sollten wir einen Pfadwechsel versuchen, und wie der neue Pfad aussieht: Das lässt sich wissenschaftlich nicht vorhersagen.

Momentan ist Social Distancing geboten. Brauchen wir aber nicht gerade in einer solchen Krise den sozialen Zusammenhalt — wenn auch in ausreichender körperlicher Distanz?

Auch hier denke ich, dass Corona eine Tendenz verstärkt, die in der Gesellschaft ohnehin schon vorhanden war: Was wir erleben ist, dass uns der Andere, der Fremde, sogar der Nachbar, verdächtig wird. Der Mann da auf der Straße — könnte er infiziert sein? Das Kind da, das gehustet hat: Geht von ihm eine tödliche Gefahr aus? Social Distancing führt dazu, dass wir den Anderen geradezu physisch als Gefahr wahrnehmen: „Komm mir ja nicht zu nahe, berühre mich nicht!“, das ist das instinktive Gefühl, nicht nur Menschen gegenüber: Die Türklinke, der Geldschein: Alles wird verdächtig. Das Virus stiftet Misstrauen gegenüber der sozialen und physischen Umgebung, es erzeugt massive Entfremdung: Wir misstrauen nicht nur den anderen, sondern sogar unserer eigenen Wahrnehmung, weil wir die Gefahr eben nicht sinnlich wahrnehmen können, und am Ende sogar Entfremdung vom eigenen Körper: Das Kratzen da im Hals – ist das jetzt das erste Anzeichen? Fühle ich mich nicht irgendwie heiß, fiebrig? Was war das für ein komisches Husten?

Auf der anderen Seite aber erzeugen kollektive Krisenlagen, kollektive Bedrohungen auch neue Formen von Gemeinschaftssinn; da entsteht ein kommunitaristischer Funke: Wenn die eingespielten Routinen, die festen Behördenwege versagen, müssen wir gemeinsam wieder improvisieren, müssen wir uns zusammentun und neue Lösungen ausdenken. Das passiert ja gerade weltweit. Da entstehen Solidarität und Gemeinschaft neu. Und auch da gilt: Dieser Prozess ist historisch ergebnisoffen. Welche Tendenz sich durchsetzt steht nicht einfach fest, das hängt jetzt von uns allen, von unserem Zusammenhandeln ab!

Wie erleben Sie persönlich den Lockdown?

Ich glaube, ich erlebe ihn mit allen Ambivalenzen: Als Staatsbeamter und Universitätsangehöriger bin ich in einer sehr privilegierten Situation: Ich muss keine Existenzangst haben und habe durchaus die Chance, die Zwangsentschleunigung sogar zu genießen. Zum Teil nehme ich das auch so wahr – ich habe gestern jemandem gesimst, dass von mir aus der Lockdown noch lange anhalten kann. Ich genieße es durchaus, einmal nicht von Ort zu Ort und von Termin zu Termin hetzen zu müssen.

Zugleich aber fühle ich natürlich auch die Bedrohungslage – die virale wie die ökonomische – und mache mir Sorgen um die Menschen und Familien, für die diese Situation der Horror ist. Und mehr noch: Ich stelle fest, dass ich einerseits in die digitale Welt flüchte, und dort geht das Rennen weiter: Diese Krise führt bei mir zu einer Hochkonjunktur der Medienanfragen. Und andererseits komme ich aus unerklärlichen Gründen auch in der analogen Welt bei weitem nicht so gut voran und zu all den Dingen, von denen ich dachte, dass ich sie nun im Resonanzmodus tun könnte. Es ist nicht so leicht, in diesen anderen Existenzmodus zu finden. Eigentlich habe ich das mit Adorno ja auch schon immer gesagt: Es gibt kein richtiges Leben im Falschen…