„Wir sind für eine steigende Zahl von Patienten gut gerüstet“

Mathias Pletz ist Direktor des Instituts für Infektionsmedizin und Krankenhaushygiene des Universitätsklinikums Jena (UKJ). Im Interview erläutert er, welche Vorkehrungen zur Behandlung schwer erkrankter COVID-19-Patientinnen und -Patienten getroffen werden, ob Masken vor Ansteckung mit dem Coronavirus schützen und wie es Länder wie Südkorea und Taiwan geschafft haben, die Ausbreitung des Virus gering zu halten — auch ohne kompletten Shutdown.

Wir haben aktuell (am 31. März) in Jena 119 bestätigte COVID-19-Krankheitsfälle. Wie viele Personen werden im UKJ derzeit behandelt?

Insgesamt sind es sechs Patienten, vier davon auf einer Normalstation, zwei auf Intensivstation. Aktuell ist kein Patient mit schwerem Krankheitsverlauf bei uns.

Wie ist das UKJ für eine steigende Zahl von Coronapatienten gerüstet? Welche Vorkehrungen wurden getroffen?

Wir haben uns auf eine wachsende Zahl von Coronapatienten eingestellt. Eine Intensivstation wird allein für die Behandlung von Coronapatienten vorgehalten. Wir haben einen kompletten Flügel im Krankenhaus für Verdachtsfälle eingerichtet, der von den anderen Stationen und Bereichen abgetrennt ist. Und es gibt eine eigene Coronastation für die bestätigten Krankheitsfälle. Das Team der Intensivmediziner um Prof. Bauer trainiert Ärzte und Pflegepersonal — insofern sind wir, denke ich, gut gerüstet.

Über wie viele Intensivbetten für Coronapatienten können das UKJ und das Land Thüringen denn verfügen?

Deutschlandweit melden die Krankenhäuser ihre Kapazitäten an Intensivbetten an ein zentrales Register. Das Divi-Register verzeichnet aktuell für Thüringen 281 Intensivbetten, die binnen 24 Stunden mobilisiert werden können für COVID-19-Patienten. Damit steht Thüringen im Moment sehr gut da.

Wie viele Tests auf Infektionen mit dem Coronavirus können Sie täglich durchführen?

Momentan testen wir 200 bis 300 Proben am Tag, könnten aber 1.000 Proben pro Tag testen. In ganz Thüringen werden rund 9.000 Tests pro Woche durchgeführt. Neben den PCR-Tests, die im Moment laufen und die jeweils Auskunft darüber geben, ob eine akute Infektion vorliegt, wird im Team von Prof. Löffler (Institut für Medizinische Mikrobiologie) derzeit ein Antikörpertest etabliert. Dieser zeigt an, ob eine Person Antikörper gegen das Virus gebildet und damit eine zumindest zeitweise Immunität erworben hat. Ein solcher Test wäre ein großer Gewinn an Sicherheit. So lässt sich feststellen, wer für eine Infektion überhaupt anfällig ist und wer nicht.

Wann wird der Antikörpertest vorliegen?

Ich rechne damit, dass wir in zwei Wochen damit starten können.

Wie stark ist der Routinebetrieb im UKJ heruntergefahren?

Der ist ganz erheblich eingeschränkt. Und das ist auch wichtig, denn noch wissen wir nicht, wie viele Patienten mit einer COVID-19-Erkrankung wir in den nächsten Wochen behandeln müssen. Die Zahl der Operationen ist zum Beispiel deutlich reduziert worden. Allerdings funktioniert das auch nur in einem gewissen Rahmen: Notfalloperationen müssen auch jetzt gemacht werden und das werden sie auch. Tumorpatienten können nicht einfach abwarten, bis die Corona-Pandemie vorbei ist. Die Entscheidung, ob eine Operation zum jetzigen Zeitpunkt stattfinden soll, erfordert Augenmaß, jeder Fall wird individuell abgewogen.

Mit wie vielen stationär zu behandelnden Patienten rechnen Sie denn in der nächsten Zeit?

Das ist wirklich schwer zu sagen und ich kann Ihnen da keine konkrete Zahl nennen. Es gibt natürlich Modelle, die die Ausbreitung des Virus berechnen und extrapolieren. Hier am Klinikum arbeitet unter anderem das Team um Prof. Scherag (Institut für Medizinische Statistik, Informatik und Datenwissenschaften) gerade ganz intensiv an solchen Prognosen. Aber letztlich wissen wir einfach noch nicht, wie sich die Maßnahmen des social distancing auf den weiteren Pandemieverlauf auswirken. Aber es wird auch bei uns einen Anstieg der schweren Krankheitsfälle geben.

Haben Sie Angst sich selbst anzustecken? Und beeinflusst das Ihre Arbeit als Arzt und Wissenschaftler?

Nein, Angst habe ich keine. Aber das Ansteckungsrisiko sehe ich natürlich. Die Situation beeinflusst meine Arbeit ganz erheblich. Mein Team und ich sind praktisch rund um die Uhr im Einsatz und beantworten Fragen von Mitarbeitern, Politikern, von Behörden, von Journalisten, aber auch aus dem sozialen und familiären Umfeld. Neu ist dabei die Erfahrung, dass auch wir unser Wissen beinahe täglich erweitern, infrage stellen, dazulernen, denn täglich werden neue Daten zur Pandemie publiziert. Das führt bei vielen Menschen zu Verunsicherung. Aber ich bemerke auch, die eigene Unsicherheit ehrlich einzuräumen, wird von vielen Menschen sehr positiv aufgenommen.

Schätzen Sie die Situation heute anders ein als vor Beginn der Pandemie, als es die ersten Fälle in China gab?

Ja, das muss ich ganz ehrlich sagen. Im Januar hätte ich nicht erwartet, dass wir in Jena jemals COVID-19-Patienten sehen werden. Und mit dieser Einschätzung war ich damals nicht allein. Viele haben angenommen, dass dieses Virus, wie damals SARS oder MERS, nach wenigen Monaten wieder verschwindet und weitgehend auf die Region des initialen Ausbruchs beschränkt bleibt. Diese rasante Ausbreitung des Virus um die Welt haben auch viele meiner Kollegen nicht erwartet.

Was unterscheidet SARS-CoV-2 von anderen Viren bzw. warum ist es so gefährlich, beispielsweise im Vergleich zur saisonalen Grippe?

Da spielen verschiedene Aspekte eine Rolle. Zum einen überträgt sich das aktuelle Coronavirus SARS-CoV-2 wesentlich leichter als etwa das artverwandte SARS-Virus, das 2003 eine Pandemie ausgelöst hatte. Das hatte sich vorrangig in den tiefen unteren Atemwegen vermehrt, während das jetzige Coronavirus zuerst die oberen Atemwege befällt und so sehr leicht weitergegeben werden kann, sogar von Personen, die selbst noch gar keine Symptome haben. Das Beispiel der ersten Übertragung in Deutschland während eines Seminars zeigte auch, dass das Virus, wenn es in den oberen Atemwegen repliziert, schon effizient beim Sprechen übertragen werden kann – ein Hustenstoß ist hier nicht mehr erforderlich.

Dann spielt natürlich eine Rolle, dass es ein neues Virus ist und wir nicht, wie etwa bei der Grippe, eine teilweise Grundimmunisierung der Bevölkerung haben, geschweige denn Impfstoffe. Bei der Grippe ist es außerdem so, dass die Saison meistens sehr rasch endet, wenn der Sommer kommt. Und das wissen wir für Corona im Moment noch gar nicht. Möglicherweise zirkuliert das Virus auch im Sommer noch bei uns, das bereitet mir schon Sorge.

Können Masken vor Ansteckung schützen?

Das hängt von der Art der Maske ab und der Situation, in der sie getragen wird. Die Bedeckung von Mund und Nase mit einer Stoffmaske oder auch einem Schal oder Tuch, so wie es jetzt in Jena beispielsweise gefordert ist, wenn man sich in der Öffentlichkeit bewegt, ist keine Garantie dafür, sich nicht anzustecken – aber es reduziert auf jeden Fall die Wahrscheinlichkeit. Außerdem, wenn viele Personen eine Maske tragen, verringert das in der Summe auch die Wahrscheinlichkeit, dass die Erreger weitergegeben werden. Wichtig ist aber, dass wir trotzdem weiterhin möglichst zwei Meter Abstand von anderen halten, uns regelmäßig die Hände waschen und in die Armbeuge husten oder niesen. Eine Maske zu tragen, bedeutet nicht, dass die anderen Maßnahmen nicht mehr nötig sind.

Wie lange wird die Infektionswelle in Deutschland andauern?

Es ist zu früh, das zu beurteilen. Wir wissen derzeit noch nicht, auf welchem Teil der Anstiegskurve wir uns befinden und ob die Maßnahmen, die in Deutschland ergriffen worden sind, dazu führen, die Kurve abzuflachen. Derzeit sieht es zwar so aus, als stabilisiere sich die Zahl der Neuinfektionen in Deutschland, auch in Jena. Ich persönlich denke schon, dass das social distancing Wirkung zeigt, aber für seriöse Prognosen ist es im Moment einfach noch zu früh.

Wie ist es z. B. in Ländern wie Südkorea und Taiwan gelungen, die Verbreitung des Virus relativ gering zu halten?

In den asiatischen Ländern war das Tragen von Masken im öffentlichen Raum schon vor Corona weit verbreitet. Hinzu kommt, dass es kulturell bedingt eine größere körperliche Distanz zwischen Fremden gibt, auch die Familienstrukturen sind vielleicht anders als im Vergleich zu Südeuropa. Entscheidend ist aber aus meiner Sicht die große Zahl von Tests, die in diesen Ländern frühzeitig gemacht wurden und das konsequente, sehr strenge Isolieren von positiv getesteten Personen. Dadurch sind diese Länder auch ohne kompletten Shutdown relativ glimpflich durch die Krise gekommen.

Für wann rechnen Sie mit verfügbaren Impfstoffen gegen das Virus?

Daran wird ja bereits intensiv gearbeitet. Trotzdem rechne ich nicht damit, dass wir bald gegen SARS-CoV-2 impfen können. Nicht vor nächstem Frühjahr, denke ich. Denn die Impfstoffentwicklung ist nicht trivial: Es scheint, dass für die schweren Krankheitsverläufe immunpathologische Prozesse verantwortlich sind, also fehlgeleitete oder überschießende Reaktionen des Immunsystems des Patienten. Das darf bei einer Impfung — also einer dem Immunsystem „vorgetäuschten“ Infektion — natürlich nicht auftreten. Das wird sich auch mit Sicherheit lösen lassen, aber die klinischen Studien werden sicher noch Zeit brauchen. Schneller werden wir hoffentlich Medikamente im Einsatz haben, die gegen die COVID-19-Erkrankung helfen.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf der Website der Universität Jena.