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Wo die Gefahr am größten ist, sich mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 zu infizieren und wie sich Studierende und Lehrende im Wintersemester am besten schützen – darüber sprechen im Interview Betriebsärztin Dr. Andrea Steiner und Infektionsmediziner Prof. Dr. Mathias W. Pletz vom Universitätsklinikum Jena.

Seit einigen Tagen verzeichnen die Gesundheitsämter bundesweit einen starken Anstieg der Neuinfektionen mit dem Coronavirus SARS-CoV-2, vor allem in den Großstädten. Überrascht Sie das?

Pletz: Nein, im Gegenteil, das war zu erwarten. Wir wissen von den anderen Coronavirus-Typen, die uns bereits seit Jahrzehnten begleiten und etwa ein Zehntel aller Erkältungskrankheiten verursachen, dass sie einen saisonalen Verlauf haben, mit steigenden Infektionszahlen im Herbst und Winter. Das heißt, für SARS-CoV-2 war ein solcher Verlauf auch zu erwarten.

Dass die Zahlen jetzt in dem Maße steigen, ist aber nicht allein dem Wetter geschuldet, sondern hängt auch mit der Lockerung der Kontaktbeschränkungen zusammen, die wir im Frühjahr hatten. Die Menschen sind wieder unvorsichtiger geworden, das hat sich über den Sommer hinweg schon gezeigt. Und das wird ganz deutlich, wenn man sich anschaut, wo genau die Fallzahlen steigen, wo Ausbrüche stattfinden. Das sind nicht öffentliche Einrichtungen oder der Nahverkehr – wo die meisten aufpassen und auf Abstand achten, sondern das passiert im privaten Umfeld, bei Feiern unter Freunden und innerhalb der Familie – wo man sich sicher fühlt.

Wie schätzen Sie die daraus resultierende Gefahr momentan ein?

Pletz: Im Moment haben wir trotz der steigenden Fallzahlen keine hohe Zahl an schweren Krankheitsverläufen. Hier müssen wir natürlich erst einmal abwarten, wie sich das in den kommenden Wochen entwickelt. Aber es gibt durchaus mögliche Gründe dafür, dass wir derzeit insgesamt weniger schwere Fälle im Verhältnis zur Gesamtanzahl der Infizierten haben als noch zu Beginn des Jahres.

Woran liegt das?

Pletz: Das kann verschiedene Ursachen haben. Zum ersten haben sich über den Sommer vor allem jüngere Menschen infiziert, zumeist auf Reisen, die eher leichtere Symptome haben. Auf der anderen Seite nehmen sich Ältere und Menschen mit chronischen Erkrankungen, die um ihr Risiko wissen, besonders in Acht.

Zum zweiten wurden inzwischen auch wirksame Therapiekonzepte entwickelt, die schwere Verläufe abwenden können und die Sterblichkeit senken.

Drittens wissen wir, dass die Höhe der Viruslast eine entscheidende Rolle dabei spielt, wie schwer eine Person an COVID-19 erkrankt. Das heißt, die AHA-Regeln helfen, selbst im Falle einer Infektion: Wer sich trotz Maske oder trotz Abstand ansteckt, bekommt deutlich weniger Viruspartikel ab und die Erkrankung verläuft dann in der Regel milder. Da die Virusvermehrung exponentiell verläuft, kann hier das Immunsystem bereits Antikörper produzieren, bevor die Viruslast eine kritische Größe erreicht hat.

Und viertens wird auch diskutiert, ob SARS-CoV-2 möglicherweise mutiert und dadurch weniger gefährlich ist. Das lässt sich aber aufgrund der jetzigen Datenlage nicht bestätigen.

Die Vorlesungszeit im Wintersemester rückt näher. Nach dem nahezu vollständigen Online-Semester im Sommer werden an der Universität Jena auch wieder Präsenzveranstaltungen stattfinden. Was müssen Studierende und Lehrende beachten, um das Risiko einer Ansteckung mit dem Coronavirus minimal zu halten?

Steiner: Das A und O sind die AHA-Regeln: also Abstand zu anderen Personen halten, Hygieneregeln beachten, wie regelmäßiges Händewaschen und in die Armbeuge husten und niesen sowie eine Alltagsmaske tragen. Hinzu kommen auch die drei „Gs“, die es zu vermeiden gilt: Das sind geschlossene Räume, große Menschenansammlungen und Gespräche in naher Distanz. Nachzulesen sind diese Empfehlungen zum Beispiel in den FAQ-Seiten der Universität. Sich darüber regelmäßig zu informieren und diese Punkte zu beachten, sollte für uns alle selbstverständlich sein. Jeder kann so dazu beitragen, Infektionen zu vermeiden und besonders Gefährdete wie beispielsweise ältere Menschen zu schützen.

Für Präsenzlehrveranstaltungen gelten zudem weitere Regeln. So müssen sich alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer registrieren, um Kontakte nachverfolgen zu können. Natürlich sollte man nur an einer Lehrveranstaltung vor Ort teilnehmen, wenn man sich auch gesund fühlt. Eine entsprechende Erklärung muss jeder Teilnehmer vor dem Besuch einer Veranstaltung abgeben.

Seit Beginn des Schuljahres besteht für Lehrkräfte in Schulen, aber auch Beschäftigte in Kitas die Möglichkeit, sich regelmäßig kostenlos auf das Virus testen zu lassen. Ist eine solche Möglichkeit für Lehrende an der Universität auch vorgesehen?

Steiner: Nein, das ist bisher nicht vorgesehen.

Warum nicht? Auch einige Universitäten im Ausland testen Studierende und Lehrende.

Steiner: Weil das Ansteckungsrisiko für Lehrende an einer Universität wesentlich geringer ist, als etwa für eine Erzieherin in einer Kita. Wir haben mit unseren Hygieneregeln ein wirksames Konzept, um das Infektionsrisiko an der Universität zu minimieren. So können etwa Abstandsregeln in einer Kita oder einer Grundschule nicht in diesem Maße eingehalten werden.

Pletz: Man muss hinzufügen, dass es auch eine Kosten-Nutzen-Frage ist. Im Moment wäre der finanzielle Aufwand für eine flächendeckende regelmäßige Testung nicht gerechtfertigt. Aber mit der Weiterentwicklung der Diagnostik werden die Preise für Corona-Tests sicherlich sinken. Sollte sich zudem die Situation in Deutschland und Thüringen deutlich ändern, kommen wir zu einem späteren Zeitpunkt möglicherweise zu einer anderen Bewertung.

Unter welchen Umständen sollte ich mich als Lehrperson dennoch testen lassen?

Pletz: Das ist pauschal nicht so einfach zu sagen. Es gibt eben nicht DIE eindeutigen Symptome für eine Infektion mit SARS-CoV-2. Aber wenn etwa im Umfeld bestätigte Fälle von COVID-19 aufgetreten sind und sich Symptome wie Husten, Fieber und Geruchs- und Geschmacksstörungen oder gar Luftnot einstellen, dann ist ein Test wirklich angeraten.

Wie viele Corona-Tests werden am Jenaer Universitätsklinikum derzeit durchgeführt und wer wird getestet?

Steiner: Derzeit werden im Labor der Universitätsklinik durchschnittlich 500 Tests pro Tag durchgeführt. Dabei handelt es sich nicht allein um Proben aus dem Klinikum in Jena, sondern auch aus dem Klinikum Eisenberg und aus der Fiebersprechstunde des Gesundheitsamtes der Stadt. Beim Arbeitsmedizinischen Dienst von Universität und Klinikum testen wir zwischen 20 und 30 Beschäftigte am Tag, Tendenz steigend. Darunter sind aktuell Proben von Reiserückkehrern und Kontaktpersonen aus dem Umfeld von COVID-positiv Getesteten, sowie Routine-Screenings von Klinikpersonal, das COVID-Patienten betreut.

Was sagt ein negatives Testergebnis aus? Welche Sicherheit bietet ein Corona-Test überhaupt?

Pletz: Das am häufigsten eingesetzte Testverfahren ist der PCR-Test (siehe Hintergrund-Information unten, Anm. d. Red.), der jedoch lediglich eine Momentaufnahme ist und nur mit 70 bis 90prozentiger Sicherheit ein korrektes Ergebnis liefert. Also ein negativer Test bedeutet nicht in jedem Fall, nicht mit SARS-CoV-2 infiziert zu sein. Ähnlich sieht es auch für die Antikörpertests (siehe Hintergrund-Information unten, Anm. d. Red.) aus. Das haben wir in unserer Neustadt-Studie gesehen: Bei der Hälfte der Patienten, die nachweislich mit SARS-CoV-2 infiziert waren, also einen positiven PCR-Test hatten, haben wir sechs Wochen später keine Antikörper nachweisen können. Das heißt, auch der Antikörperstatus ist lediglich eine Momentaufnahme und lässt kaum Aussagen darüber zu, ob eine Person gegen eine Infektion langfristig geschützt ist. Auf der anderen Seite kann ein negativer Antikörperstatus eine vorherige Infektion nicht ausschließen.

Aktuell beginnt auch die Erkältungs- und Grippesaison. Wie lassen sich denn Erkältungs- und Grippe-Symptome von denen einer Corona-Infektion unterscheiden?

Pletz: Allein anhand der Symptome, gar nicht. Das liegt daran, dass sowohl gewöhnliche Erkältungen, als auch Influenza und SARS-CoV-2-Infektionen ganz unterschiedlich verlaufen können: von schwersten Verläufen bis hin zum völligen Fehlen von Symptomen. Was sich für SARS-CoV-2 sagen lässt, ist, dass häufig Geschmacks- und Geruchsstörungen auftreten, allerdings auch nur bei knapp jedem zweiten Betroffenen. Ein verlässliches Unterscheidungsmerkmal ist das folglich nicht.

Steiner: Die klassischen Symptome wie Husten, Schnupfen, Abgeschlagenheit treten dagegen bei all diesen Erkrankungen auf, so dass ein Laie anhand der Symptome nicht unterscheiden kann, welche Erkrankung vorliegt. Aber: Vor Influenza kann sich jeder schützen! Man sollte sich auf jeden Fall impfen lassen.

Bietet eine Grippeimpfung denn auch Schutz gegen Erkältungs- oder Coronaviren?

Pletz: Nicht direkt. Es gibt aber publizierte Beobachtungsstudien die einen indirekten Schutz nahelegen und zeigen, dass Patienten, die eine Grippeschutzimpfung bekommen haben, ein geringeres Sterblichkeitsrisiko im Falle einer COVID-19-Erkankung haben. Das lässt sich durch unspezifische Impfeffekte erklären. Durch die Impfung wird das Immunsystem insgesamt stimuliert und wenn während dieser Phase eine Infektion auftritt, verläuft diese in der Regel leichter, weil die Immunabwehr bereits aktiv ist.

Gibt es auch Personengruppen, für die eine solche Impfung nicht geeignet ist?

Steiner: Nein, eine Grippeimpfung ist prinzipiell für jeden geeignet. Der Impfstoff ist ein sogenannter Totimpfstoff, der keine Viren, sondern nur Virus-Bestandteile enthält und damit sehr sicher ist. Das einzige Manko, das ein solcher Impfstoff beispielsweise bei immunsupprimierten Patienten haben kann, ist, dass die hervorgerufene Immunantwort nicht ausreichend stark ist. Aber selbst dann ist eine Impfung sinnvoll.

Daneben gibt es auch einen Lebendimpfstoff speziell für Kinder, der als Nasenspray verabreicht wird. Dieser ist entwickelt worden, um Kindern und Eltern die jährliche Immunisierung angenehmer zu machen. Wie der Name schon andeutet, enthält dieser Impfstoff aktive Influenzaviren. Die sind aber bei ansonsten gesunden Kindern nur in der Nase aktiv und können sich nicht im Körper ausbreiten. Diese Form des Impfstoffs ist für immunsupprimierte Patienten nicht zugelassen. Aber grundsätzlich sollte wirklich jeder eine Grippeimpfung ins Auge fassen.

Pletz: Um das zu erreichen, würde ich mir wünschen, dass es eine Empfehlung der Ständigen Impfkommission gäbe, generell Kinder gegen Grippe zu impfen. In Sachsen ist das bereits der Fall, das eine eigene Impfkommission hat. Denn anders als bei SARS-CoV-2 liegen für Grippe ganz klare Daten darüber vor, dass Kinder deutlich mehr Viren ausscheiden als Erwachsene und auch länger ansteckend sind, also einen viel größeren Einfluss auf das Infektionsgeschehen haben. Es gibt Studienergebnisse, die klar belegen, wenn Kinder gegen Grippe geimpft sind, sinkt die Sterblichkeit der über 65-Jährigen.

Warum gibt es eine solche Empfehlung bislang nicht?

Pletz: Es gibt eine Impfempfehlung, allerdings nur für Risikogruppen, also ältere Menschen und Personen mit Vorerkrankungen. Der Grund ist, dass wir in Deutschland für diese Saison nur etwa 25 Millionen Impfdosen haben. Und so lange Impfstoff knapp ist, müssen natürlich Risikopatienten Vorrang haben.

Hintergrundinformation

PCR-Tests
Das Testverfahren bei PCR-Tests (Polymerase Kettenreaktion) weist das spezifische Erbgut von Viren nach. Dafür wird ein Abstrich aus dem Mund-, Nasen-, Rachenraum entnommen und im Labor analysiert. Dabei kann auch die Konzentration der Viren, die sogenannte Virenlast, bestimmt werden. Fällt das Testergebnis positiv aus, ist der Patient zum Zeitpunkt der Entnahme mit dem Virus infiziert. Der PCR-Test stellt also nur eine Momentaufnahme dar.

Antikörper-Tests
Antikörper-Tests weisen nicht den Erreger selbst nach, sondern erfassen die Reaktion des Immunsystems auf den Viruskontakt. Ist der Körper mit dem Virus infiziert, bildet das Immunsystem Antikörper. Dies geschieht allerdings erst nach ein paar Tagen. Deshalb dient der Antikörpertest vor allem als Nachweis einer abgelaufenen Infektion. Antikörpertests können keine Auskunft darüber geben, ob der Betroffene noch infektiös ist, wie lange die Infektion zurückliegt oder ob ein ausreichender Immunschutz gegen eine erneute Infektion vorliegt. Diese Tests eignen sich eher dazu herauszufinden, wie viele Menschen in der Bevölkerung die Infektion bereits durchgemacht haben (Durchseuchung). 

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