Der Impfstoff ist kein Wundermittel

Die Hoffnung ist riesig: Werden noch vor Weihnachten die ersten Personen in Deutschland gegen SARS-CoV-2 geimpft? Die Medizinerin und Kommunikationswissenschaftlerin PD Dr. Petra Dickmann vom Uniklinikum Jena teilt die Vorfreude, warnt aber auch davor, die bisherigen Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus zu vernachlässigen. Auch mit Impfstoff werde unser Leben noch lange nicht wieder so aussehen wie vor der Pandemie. (Das Gespräch wurde am 27. November 2020 geführt.)

Frau Dickmann, mehrere Dutzend Impfstoffkandidaten gegen SARS-CoV-2 sind weltweit in der Entwicklung, zwei Impfstoffe möglicherweise unmittelbar vor der Zulassung in Europa. Können wir also bald aufatmen?

Die Hoffnung auf die Impfung gegen COVID-19 ist tatsächlich enorm groß. Aber ich betrachte die aktuelle Diskussion auch mit etwas Skepsis. Fest steht, diese Impfstoffentwicklung ist einfach beispiellos, eine vergleichbare Kampagne hat es noch nicht gegeben, mit so vielen Beteiligten weltweit, mit solch enormen Summen, die in die Impfstoffentwicklung investiert worden sind. Jetzt haben wir zwei Kandidaten mit guten Ergebnissen, die wahrscheinlich demnächst zugelassen werden können. Allerdings muss man doch auch erst einmal abwarten, wie die Daten tatsächlich aussehen. Bisher wurden noch keine wissenschaftlichen Studien veröffentlicht, alles was wir wissen, kennen wir aus Pressemitteilungen der entsprechenden Firmen oder aus den Medien und das macht eine fundierte Einschätzung schwer. Ich freue mich natürlich über diese Ergebnisse, wenn sie so zutreffen. Aber wir dürfen die Pandemie-Debatte nicht nur auf die Impfstoffentwicklung reduzieren.

Wie meinen Sie das?

Seit den ersten positiven Nachrichten über die Wirksamkeit der beiden in der Zulassung befindlichen Impfstoffkandidaten sprechen wir fast ausschließlich über die Impfung. Und das meint nicht nur die mediale Aufmerksamkeit. Auch die Politik ist stark darauf ausgerichtet, es fließt sehr viel Geld in Impflogistik wie Impfzentren und deren Ausstattung. Mit enormen Summen versucht die EU, sich Millionen von Impfdosen zu sichern usw. Dabei gerät aus dem Blick, dass wir die Pandemie allein mit pharmazeutischer Intervention nicht bewältigen können. Wir brauchen die nichtpharmazeutischen Interventionen immer noch dringend. Dazu gehören Verhaltensmaßnahmen wie Abstands- und Hygieneregeln, aber auch die Gestaltung unseres sozialen Umfeldes in den Schulen und im öffentlichen Raum. So groß und so berechtigt die Hoffnung auf eine Impfung jetzt auch ist, wir können es uns nicht leisten, die übrigen Interventionsmöglichkeiten zu vernachlässigen.

Was wäre aus Ihrer Sicht denn jetzt vor allem wichtig?

Kommunikation! Genau wie bei den gerade genannten nichtpharmazeutischen Interventionen, wie Abstandsregeln und der Umgestaltung der sozialen Räume, die wir seit einem dreiviertel Jahr umsetzen, ist auch für die pharmazeutische Intervention sehr viel Kommunikation notwendig. Man muss die Leute mitnehmen, damit man eine Wirkung erzielt. Im Falle des nun in Aussicht stehenden Impfstoffs habe ich den Eindruck, dass viele glauben, wir brauchen keine Kommunikation mehr. Aber der Impfstoff ist keine magic bullet, die alle Probleme löst. Ich sehe ein großes Problem auf uns zukommen, wenn wir beim Impfstoff nicht ausreichend kommunizieren.

Inwiefern?

Aus der Erfahrung mit sinnvollen Impfungen mit sicheren und gut erprobten Impfstoffen, wie z. B. der Masern- oder auch der Grippe-Impfung wissen wir, dass es unendlich schwierig ist, in der Gesellschaft die Bereitschaft zur Teilnahme an der Impfung zu erreichen. Grundlegend ist dabei das Verständnis, dass eine Impfung nicht nur ein individueller Schutz vor Erkrankung ist, sondern zum Gesundheitsschutz der Bevölkerung beiträgt. Viele lehnen Impfungen ab, weil sie sich nicht betroffen fühlen, da sie zu keiner Risikogruppe zählen. Das ist aber nicht der Punkt. Impfungen betreffen den Bereich von Public Health und nicht primär von Individualmedizin. Für den Bereich Public Health gelten andere Konzepte und Vorgehensweisen – und dies ist in der Impfkommunikation noch nicht voll ausgeschöpft. Im Gegenteil, hier sieht man oft eine sehr persönlich-emotional geführte Debatte um die Auswirkungen von Impfungen auf das Individuum, mit Anschuldigen und Verdächtigungen in alle Seiten. Impfkommunikation scheint nahezu Verschwörungstheorien anzuziehen.

Wann werden denn Ihrer Einschätzung nach erste Impfungen in Deutschland starten?

Der Wunsch, möglichst bald mit dem Impfen beginnen zu können, ist, wie gerade beschrieben, sehr groß. Manchmal habe ich den Eindruck, der Impfstoff wird als eine Art Heilsbringer angesehen. Und natürlich möchte man ihn spätestens zu Weihnachten haben. Ich halte es aber nicht für realistisch, dass wir bis Weihnachten wirklich in größerem Umfang impfen können. Wenn es gut läuft, könnte es vor Weihnachten mit ersten Pilotreihen losgehen, in denen zunächst getestet wird, wie Impfstraßen funktionieren und wie in Krankenhäusern oder Pflegeheimen geimpft werden soll. Aber das werden zunächst keine Massenimpfungen sein.

Wer wird denn den Impfstoff zuerst bekommen?

Das ist eine ganz wichtige Entscheidung, die zu treffen ist, solange der Impfstoff knapp ist. Die Leopoldina und der Deutsche Ethikrat haben deshalb gerade eine erste Priorisierung vorgenommen, in der drei Gruppen von Personen genannt sind, die die Impfung zuerst angeboten bekommen sollten. Das ist zum einen die Gruppe des medizinischen Personals, das mit COVID-19-Patienten in direktem Kontakt ist und die daher das größte direkte Risiko einer Infektion trägt. Das sind zum Zweiten die besonders vulnerablen Gruppen, also Personen mit Vorerkrankungen und ältere Menschen, die gefährdet sind, schwer zu erkranken. Und drittens sollten Menschen bevorzugt geimpft werden, die in besonders kritischer Infrastruktur arbeiten und den Schutz brauchen, damit diese Bereiche, wie die Gesundheitsämter, Polizei und Feuerwehren, aber auch Schulen und Kitas, funktionsfähig bleiben.

Diese Empfehlung folgt medizinischen und ethischen Prinzipien und beruht auf Risiko-Nutzen-Abwägungen. Aber sie ist auch nicht unproblematisch. Denn mit der Bevorzugung bestimmter Gruppen stellt man ja andere Personen hintan. Und man muss ehrlicherweise auch sagen, dass wir im Moment noch gar nicht klar wissen, wie sicher der Impfschutz zum Beispiel bei multimorbiden Patienten ist. Das wird sich erst in Studienergebnissen zeigen.

Wie lange wird es dauern, bis sich darüber hinaus Menschen impfen lassen können, die nicht einer dieser Gruppen angehören?

Das hängt davon ab, wie viele Menschen sich überhaupt impfen lassen und wie die Logistik funktioniert. Aber auch davon, in welchen Mengen der Impfstoff bereitgestellt werden kann. Insofern ist das momentan sehr schwer einzuschätzen. Aber ich vermute, es wird sich bis in den kommenden Sommer hineinziehen. Wir wären gut aufgestellt, wenn wir es schaffen, bis zum nächsten Winter einen Impfschutz für einen signifikanten Teil der Bevölkerung zu haben.

Um dieses Ziel zu erreichen: Sollte es eine Corona-Impfpflicht geben?

Nein. Impfen sollte immer eine selbstbestimmte Entscheidung sein. Die körperliche Unversehrtheit ist grundgesetzlich geschützt. Und eine Impfung ist ein medizinischer Eingriff. Daher sollte jeder und jede selbst entscheiden, ob er oder sie sich impfen lässt. Das halte ich für richtig und wichtig.

Man kann die Impfmotivation natürlich erhöhen, wenn man es so wie bei der Masernimpfung macht. Dass man sagt, wer in der Pflege arbeiten oder seine Kinder in den Kindergarten schicken möchte, dann geht das nur mit dem Nachweis einer Impfung. Aber das ist ein ethisch hochsensibles Thema und ich plädiere dafür, diesen Diskurs in der akuten Pandemie nicht aufzumachen, sondern dafür zu sorgen, dass der Impfstoff freiwillig gut angenommen wird.

Wie wird der Corona-Impfstoff Ihrer Erwartung nach denn angenommen werden?

Das ist schwer zu sagen. Erst mal könnte man vermuten, dass die Bereitschaft sehr hoch ist, weil wir ja alle darauf warten, dass wir endlich wieder zur Normalität zurückkehren und die Einschränkungen des gesellschaftlichen Lebens hinter uns lassen können. Aber wie aktuelle Umfragen zeigen, liegt die Impfbereitschaft im Moment nur bei etwas mehr als 50 Prozent. Ich nehme wahr, dass es doch einen großen Anteil von Menschen gibt, die eine eher abwartende Haltung haben.

Warum, glauben Sie, ist das so?

Ich denke, das liegt daran, dass die meisten Menschen das eigene Risiko zu erkranken als niedriger einschätzen, als es tatsächlich ist. Und daher die Impfung für sich selbst vielleicht nicht so dringend sehen. Viele sagen auch, dass sie erst einmal schauen wollen, wie sicher und wie wirksam der Impfstoff ist, das lässt sich angesichts der Kürze der Entwicklungszeit durchaus nachvollziehen. Also eine Impfeuphorie nehme ich bisher jedenfalls nicht wahr.

Und dann gibt es ja noch die ausgewiesenen Impfgegner.

Ja, die gibt es. Und die sind insofern wirklich gefährlich, weil sie die nachvollziehbare Unsicherheit vieler Menschen einfach instrumentalisieren. Dagegen kommen wir nur mit einer guten Risikokommunikation an, mit faktenbasierten Argumenten, mit Transparenz und ganz breit angelegten Informationen für alle Bevölkerungsgruppen, also nicht nur die interessierten, aufgeschlossenen Gruppen adressieren, sondern auch diejenigen, die abwarten oder zunächst skeptisch sind. Die Impfgegner selbst kriegen wir nicht ins Boot! Sie werden weiter aktiv und laut sein und jeden Schwachpunkt des Impfstoffes für ihre Zwecke ausnutzen. Und im Moment gibt es noch Schwachpunkte: etwa die Verteilung, die Logistik, die Testung des Impfstoffs. Da appelliere ich an alle verantwortlichen Stellen in den Landesregierungen, in der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, im Bundesgesundheitsministerium. Die aktuelle „Messias“-Kommunikation nach dem Motto „Hurra, wir haben einen Impfstoff“, bringt uns nicht weiter, sondern spielt unter Umständen den Impfgegnern sogar in die Hände. Wir brauchen eine bessere Impfkommunikation, um die Leute mitzunehmen. Der beste Impfstoff nützt uns nichts, wenn ihn zu wenige haben wollen.

Wann werden wir denn überhaupt Effekte der Impfungen sehen können, also etwa sinkende Zahlen an Neuinfektionen?

Wenn erste Pilotimpfungen tatsächlich noch in diesem Jahr stattfinden und es zu Beginn des neuen Jahres in größerem Umfang losgeht, werden wir Effekte vielleicht im späten Frühjahr sehen können. Das hängt aber ganz stark von der Größenordnung der Durchimpfung ab, also letztlich von der allgemeinen Akzeptanz der Impfung. Wir werden auf jeden Fall in den kommenden Monaten die nichtpharmazeutischen Interventionen zur Pandemie-Eindämmung noch in starkem Maße brauchen. Und diese werden auch immer eine wichtige Säule bleiben. Der Impfstoff kann die Hygiene- und Abstandsregeln nicht ersetzen. Auch die sozialen Veränderungen und Hygieneregeln in Schulen und in öffentlichen Einrichtungen werden bestehen bleiben müssen, auch mit Impfstoff. Unser Leben wird noch lange nicht genauso laufen können wie vor der Pandemie.