Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus

Am 27. Januar wird weltweit der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Das Datum erinnert gleichzeitig an die Befreiung der Konzentrationslager in Auschwitz. Prof. Jens-Christian Wagner ist Experte für das Gedenken. Denn er ist nicht nur seit dem 1. Oktober 2020 Inhaber des Lehrstuhls für Geschichte in Medien und Öffentlichkeit an unserer Universität, sondern auch Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora. Im Interview erklärt er, welche Bedeutung dieser Gedenktag hat – für ihn persönlich, für Thüringen und für die Opfer der Herrschaft der Nazis.

Wie wichtig ist der 27. Januar als Gedenktag und wie sollten wir ihn Ihrer Meinung nach begehen?

Gerade für Thüringen hat der 27. Januar 1945 als historisches Datum eine große Bedeutung. An dem Tag wurden in Auschwitz nämlich nur wenige Häftlinge von der Roten Armee befreit. Für die große Mehrheit der Häftlinge aus Auschwitz gingen das Leiden und die Todesbedrohung weiter: Rund 60.000 Kinder, Frauen und Männer hatte die SS vorher auf Todesmärsche Richtung Westen geschickt. Die meisten Märsche und Transporte endeten in Thüringen, im KZ Buchenwald und vor allem im KZ Mittelbau-Dora. Dorthin kamen auch die SS-Wachmannschaften aus Auschwitz. Auschwitz wurde gewissermaßen nach Thüringen verlagert. Insofern ist der 27. Januar als Gedenktag, wenn man damit an die Befreiung erinnern möchte, eher unglücklich gewählt. Dennoch ist der Tag wichtig: Am 27. Januar hörten das KZ Auschwitz und das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau auf zu existieren – Orte, die wie keine anderen für den industriellen Massenmord an den europäischen Juden sowie an den Sinti und Roma stehen.

Für das kollektive Gedächtnis der Gesellschaft sind solche Gedenktage wichtig, auch wenn sie bisweilen in Ritualen und Pathos erstarren und von manchen Politikern und Politikerinnen, so fürchte ich, als Pflichtübung gesehen werden. Umso wichtiger ist es, Gedenktage mit Inhalt zu füllen und sie nicht nur zentral „abzufeiern“, sondern topographisch und thematisch in die Breite zu gehen – so wie auch die NS-Verbrechen nicht nur an zentralen Orten wie Auschwitz oder Buchenwald begangen wurden, sondern nahezu überall, selbst im kleinsten Dorf: Verbrechen an Zwangsarbeitern und Zwangsarbeiterinnen, Juden, Sinti und Roma, Kriegsgefangenen, Kranken, Justizgefangenen, politisch Verfolgten, Homosexuellen, Zeugen Jehovas oder angeblich „Asozialen“.

Wie sollten oder können wir unabhängig von diesem Gedenktag die Erinnerung an die Opfer der nationalsozialistischen Herrschaft aufrecht erhalten?

Wichtig ist es, nicht nur um die Opfer zu trauern und dann nach Hause zu gehen und zu denken, heute sei alles gut, sondern danach zu fragen, warum die Verbrechen begangen wurden: Wie konnte das eigentlich geschehen? Wer ist für die Verbrechen verantwortlich? Zentral ist dabei die Frage nach der Funktionsweise der NS-Gesellschaft, einer Gesellschaft, die radikal rassistisch organisiert war und zwischen „Volksgenossen“ auf der einen und „Gemeinschaftsfremden“ auf der anderen Seite unterschied. Wenn man fragt, warum so viele Deutsche bereitwillig mitmachten, wird man feststellen, dass manche Triebfedern gar nicht genuin nationalsozialistisch bedingt waren.

Ich denke da z.B. an Verheißungen der Ungleichheit oder Ausgrenzungs- und Kriminalisierungsdiskurse gegenüber vermeintlich „Fremden“. Das sind Dinge, die wir jenseits falscher historischer Analogien auch heute erleben, denken Sie etwa an die Hetze gegenüber Geflüchteten oder die völkische „Sozialpolitik“ der AfD. Die Perspektive der Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen muss also auf die Gegenwart gerichtet sein, nicht aber als Agit-Prop-Veranstaltung, sondern immer wissenschaftlich begründet und ethisch fundiert – und das nicht nur am 27. Januar, sondern auch an den übrigen 364 Tagen im Jahr.

Wird am 27. Januar auch in Buchenwald und in Mittelbau-Dora der Opfer der NS-Zeit gedacht?

Eigentlich sollte die zentrale Gedenkveranstaltung der Landesregierung und des Landtages dieses Jahr in der Gedenkstätte Mittelbau-Dora stattfinden. Corona-bedingt musste das aber auf eine Kranzniederlegung in ganz kleinem Kreis reduziert werden: Ich werde am 27. Januar alleine einen Kranz niederlegen. Wir produzieren aber vorab ein Video mit historischen Informationen zum Thema „Auschwitz im Harz“ und Statements von Ministerpräsident Ramelow und Landtagspräsidentin Keller. Dieses Video wird am 27. Januar freigeschaltet.

Gibt es Ihrer Meinung nach auch ein falsches Gedenken? Oder anders gefragt: Gibt es Ihrer Meinung nach auch Formen des Gedenkens, die unangemessen sind?

Es fällt mir schwer, apodiktisch von richtig oder falsch zu sprechen. Jeder und jede muss den eigenen Weg für das richtige Gedenken finden. Dennoch gibt es Formen, die ich für nicht angemessen halte – die Identifikation mit den Opfern etwa. Das halte ich für eine Anmaßung. Empathie ist hingegen wichtig. Außerdem sollten wir aller Opfer der NS-Verbrechen gedenken, nicht nur einzelner partikularer Gruppen. Dazu gehört auch, dass wir nicht alle Toten des Zweiten Weltkrieges „in einen Topf“ werfen. Seit den 1990ern gibt es viele Gedenktafeln, auf denen ohne Unterschied der Verfolgten und Ermordeten im Nationalsozialismus, der gefallenen deutschen Soldaten, der Opfer von Flucht und Vertreibung und der Verfolgten in der DDR gedacht wird. Das ist ahistorisch und verkennt die Kausalbeziehung zwischen Ursache und Wirkung. Dem müssen wir eine wissenschaftlich begründete und klar differenzierende Auseinandersetzung mit der Geschichte entgegensetzen.

Und dann gibt es noch den verklärenden Gedenkkitsch, den ich ebenfalls für unangemessen halte. Vor zwei Jahren etwa wurde ich in Bergen in der Lüneburger Heide Zeuge einer Gedenkveranstaltung einer evangelikalen Gruppe, bei der eine junge Frau in Häftlingskleidung samt gelbem „Judenstern“ auf der Brust und eingehüllt in die israelische Fahne vor dem lokalen Kriegerdenkmal zur israelischen Nationalhymne tanzte. Auf Bibel-TV kann man sich den Mitschnitt ansehen.

Von offizieller Seite werden Angebote des kollektiven Gedenkens unterbreitet, etwa wenn der Bundespräsident eine Rede am 27. Januar hält. Gibt es darüber hinaus Formen individuellen Gedenkens? Wie könnten diese aussehen?

Es ist insbesondere auch gegenüber den Überlebenden ein wichtiges politisches Zeichen, wenn hohe Repräsentanten und Repräsentantinnen des Bundes und der Länder sich zur deutschen Verantwortung im Umgang mit den NS-Verbrechen bekennen und die Opfer würdigen. Auch dafür sind Gedenktage wie der 27. Januar oder die Jahrestage der Befreiung der KZ Buchenwald und Mittelbau-Dora am 11. April wichtig. Selbstverständlich können und sollen aber auch die „ganz normalen“ Bürgerinnen und Bürger dazu beitragen, dass die Opfer gewürdigt werden. Das können sie machen, indem sie zum Beispiel wach durch ihre Heimatorte gehen und sich anhand der Stolpersteine vergegenwärtigen, wer alles aus ihrem Ort Opfer des NS-Terrors wurde. In nahezu jedem Ort gibt es zudem Gräber, die man aufsuchen kann. Mich persönlich hat vor Jahren ein Foto sehr erschüttert, das ein kleines Baby zeigt, dessen Leiche im April 1945 von den Amerikanern aus dem befreiten KZ-Außenlager in der Boelcke-Kaserne in Nordhausen geborgen und in einem Massengrab auf dem heutigen Ehrenfriedhof abgelegt wurde. Mir war es wichtig, ganz im Stillen und jenseits der offiziellen Gedenktage Blumen auf dem Grab abzulegen – für ein Kind, das nach dem Willen der Nazis nur wenige Wochen alt werden durfte.

Vielen Dank.

Kontakt

Prof. Dr. Jens-Christian Wagner
Lehrstuhl für Geschichte in Medien und Öffentlichkeit
Historisches Institut
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Fürstengraben 13
07743 Jena