Neues Leitbild beschlossen: Maßgeschneidert und unverwechselbar

In seiner Sitzung am Dienstag, 16. Februar, hat der Senat ein neues Leitbild für die Friedrich-Schiller-Universität Jena verabschiedet. Das Papier, das von einer Senatsarbeitsgruppe entworfen wurde, soll der künftigen Entwicklung der Universität Jena in Lehre und Studium, Forschung und Verwaltung als Orientierung dienen.

Das neue Leitbild ist unverwechselbar“, sagt Prof. Dr. Walter Rosenthal, Präsident der Friedrich-Schiller-Universität Jena. „Es schärft unser Profil und dient uns als Orientierung beim Forschen, Lehren und Studieren ebenso wie beim Zusammenarbeiten an der Universität und im Austausch mit anderen.“

Erarbeitet wurde das Leitbild in einem mehrstufigen universitätsweiten Diskussions- und Beteiligungsprozess. Er begann im Juni 2020 mit dem ersten Treffen einer eigens dafür eingerichteten Senatsarbeitsgruppe. Die 13 Mitglieder – darunter Präsident und Kanzler, aber auch Studierende, Lehrende und Beschäftigte aus allen Bereichen der Universität – erstellten gemeinsam einen Textentwurf, der im November vergangenen Jahres in einer partizipativen Online-Veranstaltung der Hochschulöffentlichkeit präsentiert wurde.

Maßgeschneidert für die Universität Jena

„Es gab einen regen Austausch innerhalb der Arbeitsgruppe, weil natürlich viele verschiedene Perspektiven aufeinandertrafen“, erinnert sich der Pädagoge und Theologe Prof. Dr. Dr. Ralf Koerrenz. „In einem Punkt waren wir uns aber sehr schnell einig, nämlich, dass unser Leitbild für die Universität Jena maßgeschneidert sein sollte.“ Aus diesem Grund wurde der Entschluss gefasst, das Leitbild an die drei Schlagworte Light, Life, Liberty anzuknüpfen, die auch das interdisziplinäre Forschungsprofil der Friedrich-Schiller-Universität beschreiben. „Wir haben gemerkt, dass man diese Unterscheidung nach Light, Life und Liberty nicht nur als Gliederung von Forschungsbereichen verstehen kann, sondern sie auch in einer anderen Dimension, werteorientiert, denken kann“, erläutert Koerrenz.

So wurde jedes der drei Schlagworte in eine zentrale Wertvorstellung übersetzt: Licht gewinnen und verbreiten (Light), Leben wahren und fördern (Life) sowie Freiheit schützen und gestalten (Liberty). „Im nächsten Schritt haben wir aus diesen allgemeinen Vorgaben ganz konkrete Orientierungen abgeleitet, die gemeinsam einen Handlungsrahmen bilden“, sagt Pauline Häßler, die als Mitglied des Studierendenrates Teil der Senatsarbeitsgruppe war. „Darin wird unter anderem deutlich, was für uns die wichtigsten Aufgaben unserer Universität sind.“

Dazu gehören beispielsweise die Förderung internationaler Kooperationen, die Ablehnung jeglicher Diskriminierung oder die Anerkennung des Wissenstransfers als Auftrag von zentraler Bedeutung. Aber auch die Förderung individueller Entwicklungsmöglichkeiten sowie die Zurückweisung staatlicher Bevormundung von Forschung und Lehre sind nun im Leitbild festgeschrieben. „Grundlage dieses Wertekanons ist das Selbstverständnis der Friedrich-Schiller-Universität als eine offene und demokratische Universität, die durch Wissenschaft und Bildung einen Beitrag zur Lösung gesellschaftlicher Zukunftsfragen leistet“, so Dr. Andrea Stiebritz, Leiterin des Dezernats für Studierende, die als Mitglied des Universitätsrats Teil der Leitbild-Arbeitsgruppe war.

Feedback und Zustimmung von den Universitätsangehörigen

Der Senatsarbeitsgruppe war es wichtig, dass die Universitätsangehörigen sich mit dem Leitbildentwurf und den darin festgehaltenen Werten identifizieren können. Daher wurden die Studierenden, Lehrenden und Beschäftigten aktiv in den Leitbildprozess einbezogen. Eine Präsentation des Entwurfs in Präsenz war aufgrund der Corona-Pandemie nicht möglich, weshalb stattdessen eine Online-Veranstaltung konzipiert wurde – der Leitbild-Dialog. Dadurch hatten Interessierte zahlreiche Möglichkeiten, sich zu beteiligen und einzubringen. So konnten beispielsweise während der Präsentation des Textentwurfs am 16. November 2020 live Fragen gestellt werden und im Nachgang gab es eine sogenannte Wall of Ideas, um Anregungen und Ideen zu sammeln. Mehr als 720 Personen beteiligten sich außerdem noch vor dem Leitbild-Dialog an einer Umfrage, in der sie angeben konnten, wie wichtig ihnen bestimmte Werte sind.

„Natürlich gab es da auch mal Kritik, aber in erster Linie viele konstruktive Hinweise, die wir dann in der Arbeitsgruppe intensiv diskutiert haben“, sagt Häßler. „Vor allem hat uns das Feedback, das über die verschiedenen Kanäle einging, aber gezeigt, dass die überwiegende Mehrheit der Teilnehmenden den Wertekanon teilt, den wir für das Leitbild zusammengetragen haben.“

In gesellschaftliche Debatten einmischen

Das Leitbild hat aber auch eine wichtige Wirkung nach außen. Geprägt durch ihre wechselhafte Geschichte und die Vereinnahmung der Universität im Nationalsozialismus und während der DDR-Zeit, ist es den Mitgliedern und Angehörigen der Universität Jena wichtig, sich in gesellschaftliche Debatten einzumischen.

„Die Diskussion des Leitbildentwurfs hat noch einmal verdeutlicht: Als Universität sind wir verpflichtet, uns zu Wort zu melden, wenn die demokratischen Grundwerte unserer Gesellschaft angegriffen werden“, betont Rosenthal. Dies habe man auch in der Vergangenheit bereits getan, beispielsweise als das Rektorat der Universität 2011 nach Bekanntwerden der Mordserie des rechtsterroristischen NSU die Initiative zur Bildung eines „Kompetenzzentrums Rechtsextremismus“ (KomRex) ergriff. Gefördert durch die Thüringer Landesregierung bringt das KomRex bis heute wissenschaftliche Ergebnisse zur Rechtsextremismusforschung, Demokratiebildung und gesellschaftlichen Integration gemeinsam mit Partnerinnen und Partnern aus der Zivilgesellschaft und Politik in Anwendung.

In jüngster Zeit ist die Universität mit ihrer Positionierung gegen Rassismus an die Öffentlichkeit getreten: Im September 2019 wurde im Rahmen der 112. Jahrestagung der Deutschen Zoologischen Gesellschaft die Jenaer Erklärung verabschiedet, die den Begriff „Rasse“ als rassistisches Konstrukt aufdeckt. „Der Jenaer Professor Ernst Haeckel hat mit seiner Einteilung der Menschen in Rassen den Weg bereitet für die menschenfeindliche Rassetypisierung im Nationalsozialismus. Die Entwicklung der Fächer Rassenkunde und Rassenhygiene wurde in den 1930er-Jahren an der Universität Jena vorangetrieben. Die Universität ist daher mit der Geschichte des Rassismus untrennbar verbunden und besonders verpflichtet, über Rassismus aufzuklären und dagegen vorzugehen“, erklärt Rosenthal. Die Zurückweisung rassistischer Diskriminierung wurde daher im Leitbild mit großer Zustimmung der Senatorinnen und Senatoren der Universität explizit aufgenommen.

Leitbildprozess geht nun weiter

Nach dem Leitbild-Dialog und der Präsentation im Universitätsrat wurde der Entwurf noch einmal leicht überarbeitet, bevor das Papier im Dezember 2020 zur ersten Lesung dem Senat der Friedrich-Schiller-Universität vorgelegt wurde. Mit dem nun erfolgten Beschluss sei der Leitbildprozess aber längst nicht endgültig abgeschlossen, betont Koerrenz. Das Leitbild sei nun hoffentlich für einige Jahre in der Lage, Orientierung zu bieten, „aber wir wünschen uns natürlich, dass es nun von den Angehörigen der Universität immer wieder auch in die Alltagswirklichkeit übertragen wird. Dabei wird es sicherlich auch mal Konflikte geben – aber das ist auch gut so, denn schließlich ist Streit der Wesenskern der Demokratie.“  Die Arbeitsgruppe hat mit dem Senat vereinbart, sich in einem Jahr wieder zu treffen, um die Wirkung des neuen Leitbildes zu bilanzieren.

Deutsch, Englisch – und Leichte Sprache

Das Leitbild liegt nicht nur in Deutsch und Englisch vor, sondern wird auch in Leichte Sprache übersetzt. Für Prof. Dr. David Green, den Diversitätsbeauftragten der Universität Jena, gehört das zur guten Wissenschaftskommunikation dazu: „Es sollte immer unser Ziel sein, wissenschaftliche Sachverhalte so auszudrücken, dass man sie auch verstehen kann, ohne selbst studiert zu haben. Das gilt auch und vielleicht gerade für einen Text wie das Leitbild, das viele abstrakte Formulierungen enthält.“

Das Leitbild soll künftig unter anderem als Broschüre den Begrüßungsmappen beigelegt werden, die neue Beschäftigte der Universität Jena bekommen. Außerdem ist geplant, eine Reihe kurzer Videos zu produzieren, in der die Mitglieder der Senatsarbeitsgruppe die einzelnen Punkte des Leitbildes noch einmal näher beleuchten.

Das Leitbild kann auf der Website der Universität Jena nachgelesen werden. Hier gibt es auch einen Rückblick auf den bisherigen Prozess.