»Es gibt nur wenige gute Gründe, sich nicht impfen zu lassen.«

Dr. med. Andrea Steiner ist Leitende Betriebsärztin der Universität Jena.

Haben Sie sich impfen lassen? Und wenn ja: aus welchem Grund?

Ich bin bereits seit Januar 2021 geimpft. Dafür gibt es aus meiner Sicht viele gute Gründe. Der wichtigste ist, dass ich von der Sicherheit und Wirksamkeit der Impfung überzeugt bin. Zweitens war mein Team am Universitätsklinikum in allen Bereichen des Mitarbeiterschutzes wie Abstrichentnahme, Kontaktnachverfolgungen und nicht zuletzt Impfung des Personals eng eingebunden und gehörte somit zur besonders exponierten Gruppe. Außerdem ist der Schutz meiner Familie, insbesondere meiner Kinder, zu nennen.

Was sagen Sie Studierenden, die noch zögern, sich impfen zu lassen?

Die Entscheidung zur Impfung ist immer eine individuelle Abwägung von Nutzen und Risiko.

Insgesamt sind Impfreaktionen unabhängig von der Impfstoffart, also m-RNA- oder Vektorimpfstoff, selten und die Schutzwirkung der Impfung deutlich besser als beispielsweise bei der Grippeimpfung. 

Die COVID-19-Erkrankung betrifft nicht nur alte Menschen und Vorerkrankte. Wir haben am Universitätsklinikum auch junge Menschen mit schweren Verläufen und Intensivstationsaufenthalt betreut. Neben diesen schweren Erkrankungsverläufen ist das Long-COVID-Syndrom mit über Monate hinweg anhaltenden Beschwerden wie Konzentrationsstörungen, Abgeschlagenheit und verminderter körperlicher Leistungsfähigkeit eine nicht seltene Komplikation der Erkrankung, die auch junge Erwachsene betrifft. 

Und nicht zuletzt haben Geimpfte ein deutlich geringeres Risiko, andere anzustecken und genießen deshalb auch im sozialen Leben bzw. bei Reisen Privilegien.

Zusammenfassend sprechen aus meiner Sicht deshalb mehr Gründe für das Impfen als dagegen.

Welche Impf-Angebote unterbreitet der Arbeitsmedizinische Dienst den unterschiedlichen Personengruppen an Universität und Klinikum?

Zu Beginn des Jahres konnten wir nur nach Priorisierung des Robert-Koch-Instituts impfen. Zunächst das Klinikpersonal auf den COVID-Stationen und in der Notfallmedizin, später alle Bereiche mit Krankenversorgung und kritischer Infrastruktur. Immer wieder haben auch wir mit den Lieferschwierigkeiten der Impfstoffhersteller gekämpft. Hinzu kamen die aufgetretenen Sinusvenenthrombosen bei den Vektorimpfstoffen und damit einhergehend andere Empfehlungen der Altersgruppen. Deshalb haben wir z. T. parallel alle Impfschemata betreut und geimpft – also homologe Impfungen mit mRNA- und Vektorimpfungen sowie das heterologe Impfschema mit der ersten Impfung Vektor-basiert und der Zweitimpfung m-RNA-basiert.

Mit dem Wegfall der Priorisierung durften Betriebsärzte ab Juni alle Personengruppen impfen und so konnten die Beschäftigten der Friedrich-Schiller-Universität und zeitnah auch die Studierenden geimpft werden. Aktuell ist Impfstoff gut verfügbar und wir können allen noch nicht geimpften Beschäftigten und Studierenden ein Impfangebot unterbreiten.

Gibt es wirklich gute Gründe, sich NICHT impfen zu lassen?

Es gibt nur wenige gute Gründe, sich nicht impfen zu lassen. Diese sind zum einen durch die Zulassung der Impfstoffe und zum anderen durch individuelle Vorerkrankungen bestimmt.

Derzeit haben die Impfstoffe keine Zulassung für Schwangere in den ersten zwölf Wochen und Kinder unter 12 Jahren. 

Außer dem akut hochfieberhaften Infekt gibt es kaum Kontraindikationen für die Impfung. Bei akuten oder chronischen Erkrankungen sollte jedoch mit dem behandelnden Facharzt im individuellen Beratungsgespräch Nutzen und Risiko abgewogen werden.    

Was erwarten Sie für den Herbst/Winter?

Das ist eine interessante, aber schwierig zu beantwortende Frage. Bereits in den letzten Tagen sehen wir einen deutlichen Anstieg der Fallzahlen in Deutschland, der u. a. durch die Delta-Variante und die Reiserückkehrer entsteht. Eine ähnliche Entwicklung hatten wir bereits im letzten Jahr nach der Ferien-/Urlaubszeit im Sommer. Zudem gibt es immer einen Anstieg der Erkältungserkrankungen in den Herbst- und Wintermonaten.

Ich hoffe aber, dass mit weiterhin guter Impfbereitschaft und v. a. Schutz der vulnerablen Gruppen zwar die Fallzahlen wieder steigen, aber schwere Verläufe mit Krankenhausaufenthalten eher selten bleiben.

Wird Corona für den Arbeitsmedizinischen Dienst ein Dauerthema bleiben?

Ich glaube, dass Corona ein Thema bleiben wird, denn das Virus wird nicht verschwinden. Drittimpfungen sind bereits in Diskussion und ich rechne damit, dass wir zukünftig Auffrischimpfungen in ähnlicher Form wie bei Influenza durchführen werden.


Das Interview wurde am 20. August 2021 geführt.