»Von jetzt auf gleich war COVID die mit Abstand häufigste Diagnose und der Tod allgegenwärtig.«

Prof. Dr. Michael Bauer, Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin des Universitätsklinikums Jena.

Haben Sie sich impfen lassen? Und wenn ja: aus welchem Grund?

Ja, wenn ich ganz ehrlich sein soll, aus Angst vor dem, was ich jeden Tag auf der Intensivstation mit COVID sehe. Ein heimtückisches und bedrohliches Krankheitsbild, oft auch mit Langzeitfolgen!

Sie mussten im letzten Jahr mehrmals Alarm schlagen. Wieso?

Insgesamt wurden über 370 COVID-Patienten – von denen knapp 40 Prozent verstorben sind – auf der Intensivstation behandelt. Wir hatten gleichzeitig bis zu 35 Patienten mit einem völlig neuen Krankheitsbild. Von jetzt auf gleich war COVID die mit Abstand häufigste Diagnose und der Tod allgegenwärtig.

Können Sie aufgrund der vielen COVID-Patienten die Intensiv-Patienten mit anderen Erkrankungen noch genauso gut behandeln wie vor der Pandemie?

Nein, wir mussten die Versorgung für viele planbare, auch ernste Diagnosen wie Tumoren schieben, weil eine geplante postoperative Behandlung auf der Intensivstation nicht möglich war. Die detaillierte Analyse der „Kollateralschäden“ steht noch aus. Sicher ist jetzt schon, dass auch Patienten durch die Überforderung des Gesundheitssystems geschädigt wurden, ohne selbst an COVID erkrankt zu sein.

Sie hatten viele COVID-Patienten auf der Intensivstation. Versteht man inzwischen besser, warum es die einen schwerer trifft als die anderen?

Mittlerweile kennen wir viele Risikofaktoren – allen voran das Alter. Bei anderen, z. B. genetischen Risiken, haben wir erst an der Oberfläche gekratzt.

Schützt Jugend vor einem schweren Verlauf?

Meistens ja, aber wir hatten auch junge Patienten mitten aus dem Leben, z. B. zwei schwangere Patientinnen, die wochenlang auf der Kippe standen.

Was sagen Sie Studierenden, die noch zögern, sich impfen zu lassen?

Neben dem Restrisiko, doch schwer zu erkranken, ist es vor allem eine Frage der gesellschaftlichen Solidarität, wann wir wieder in ein normales Leben mit dem neuen Virus zurückkehren können. Daneben sind die immensen Kosten, die mit jedem Tag der Pandemie größer werden, eine Hypothek für die jetzt Studierenden.

Gibt es wirklich gute Gründe, sich NICHT impfen zu lassen?

Praktisch keine – im Zweifelsfall kann man immer mit dem verantwortlichen Arzt sprechen. Der wirkliche Segen der Pandemie war die große Erfahrung, die wir mit den RNA-Impfstoffen sammeln konnten. Diese werden die Medizin revolutionieren. Die Studierenden müssen die Vorkämpfer gegen die „post-faktische“ Verdummung der Gesellschaft, die sich gerade bei Impfskeptikern und „Querdenkern“ manifestiert, sein!

Was erwarten Sie für den Herbst/Winter?

Bei über 20 bis 30 Prozent nicht geimpften Mitbürgern und einer hochkontagiösen Virusvariante rechne ich mit einer erneuten Welle auch kritisch Kranker.

Wann wird Corona nur noch ein Thema für Spezialistinnen und Spezialisten sein?

Es ist anzunehmen, dass uns das Virus endemisch erhalten bleibt. Schwer zu sagen, in welcher Größenordnung – die Option, es durch flächendeckende Impfung zu einem Thema für Spezialist:innen zu machen, ist eine einmalige Chance, die wir der Forschung auf diesem Gebiet verdanken.


Das Interview wurde am 16. August 2021 geführt.