„Zu Beginn stand das Leben wirklich Kopf“

Portätaufnahme der ukrainischen Studentin Andriiana Raikova

Andriiana Raikova ist Ukrainerin. Sie stammt aus einer Kleinstadt im Südosten des Landes und studiert seit dem Wintersemester 2020/2021 Deutsch als Fremdsprache an der Uni Jena. Wie sie den Kriegsausbruch in ihrer Heimat erlebt hat, darüber haben wir mit ihr gesprochen.

Wie haben Sie auf die Nachricht reagiert, dass in Ihrem Heimatland, der Ukraine, Krieg herrscht?

Krieg ist kein neues Thema in der Ukraine. Seit 2014 beschäftigt es uns, betraf aber immer nur einen Teil der Ukraine. (Anmerkung der Redaktion: Die Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim und die Besetzung des Donbas durch Russland im Jahr 2014 gilt als Beginn des andauernden Krieges.) Damals ging ich noch zur Schule. Ich wusste ungefähr, was passiert. Es gab in der Ukraine seitdem verschiedene Meinungen, zum Beispiel gab es einige wenige Leute, die lieber mit Russland als mit Europa zusammen sein wollten. Aber dass nun wirklich solch ein großer Krieg im gesamten Land ausbricht, das konnte niemand vorhersehen. Meine Eltern haben immer gesagt, dass das nie passieren würde. Als ich am 24. Februar morgens aufgestanden bin, habe ich von zu Hause die Nachricht bekommen: „Bei uns hat der Krieg angefangen.“ Die ersten Tage waren sehr schwer für mich. Ich konnte nicht richtig verstehen, was da gerade passiert. Erst nach ein paar Tagen konnte ich es begreifen.

Inwiefern Sind Sie und Ihre Familie direkt betroffen?

Meine Eltern sind noch in der Ukraine. Sie leben in einer Kleinstadt im Südosten. Sie wollen ihr Haus und ihr Land nicht verlassen. Sie haben mir gesagt: „Wir werden uns verteidigen, so gut wir es können.“ Sie haben keine Waffen und werden sich, so gut es geht, mit allen anderen Mitteln verteidigen. 

Wie oft haben Sie Kontakt zu Ihrer Familie und anderen in der Ukraine?

Bisher hatten wir zum Glück häufigen Kontakt. Die ersten zehn Tage habe ich täglich mehrfach mit meinen Eltern geschrieben, teilweise jede Stunde. Mit Freunden hatte ich etwa ein- oder zweimal täglich Kontakt. Das ging anfangs noch, denn das Funknetz war noch in Ordnung. Mittlerweile gibt es damit aber Probleme, sodass es große Probleme mit der Kommunikation gibt. Ich habe zum Glück noch Kontakt zu meiner Familie.

Ich bin sehr froh, dass ich jeden Tag von meinen Eltern höre. Wenn ich mir vorstelle, dass das nicht mehr so wäre, habe ich sehr schnell schlimme Szenarien im Kopf.

Haben Sie auch Kontakt nach Russland?

In unserer Kleinstadt gibt es russische Sender. Mein Papa hat zu Beginn viel diese Kanäle gehört. Er wollte herausfinden, was dort gesagt wird. Aber er hält es nicht mehr aus. Er sagt, dort wird nur Propaganda gesendet und alles falsch dargestellt.

Auch von Freunden in Russland erfahre ich das. Ihre Nachrichten machen mich traurig, sie sind geprägt von der russischen Propaganda. Und deshalb ist es umso wichtiger, dass wir alle weitersagen, was in der Ukraine passiert. Viele haben in Russland nicht die Möglichkeit, an neutrale Informationen zu gelangen. 

Wie sehen und bewerten Sie aktuell die Lage?

In der Ukraine haben alle die gleiche Meinung. Die Armee hat sehr viel Mut und unser Präsident wird als Held gesehen. Die Menschen sind auf die Straßen gegangen. Generell herrscht ein großer Zusammenhalt in der Ukraine und man kann sagen, dass die Ukraine ihre Identität bisher beibehalten hat. In der Ukraine sind die Menschen der Ansicht, dass niemand Putins Hilfe benötigt. (Anm. d. Red.: Nach eigenen Aussagen strebt Russlands Präsident Wladimir Putin eine Entmilitarisierung und Entnazifizierung der Ukraine an.)

Viele meiner Schulfreunde setzen sich außerdem für unser Land ein. Nur wenige sind direkt bei der Armee, die meisten sind bei der territorialen Verteidigung. (Anm. d. Red.: Die Territorialverteidigung der Ukraine besteht aus Reservisten und ukrainischen bzw. internationalen Freiwilligen. Sie ist eine Organisation der Ukrainischen Streitkräfte und unabhängig vom ukrainischen Heer.) Sie alle haben einen extrem starken Charakter entwickelt, das hätte ich früher nicht von ihnen gedacht. Viele von ihnen haben sich sogar freiwillig gemeldet. Sie halten auch den Kontakt zu Freunden und Familien und berichten, was passiert und was sie in Erfahrung bringen können. Dennoch ist die Stimmung in der Armee viel besser als bei der zivilen Bevölkerung, so mein Eindruck. Sie haben einfach keine Zeit, sich Sorgen zu machen. Sie müssen handeln.

Was tun Sie selbst und wo sehen Sie Handlungsbedarf?

Ich gehe auf Demonstrationen und Veranstaltungen. Dort treffe ich Gleichgesinnte und zugleich fordere ich zur Hilfe auf. Auch in Gruppen bei Telegram kann man sich austauschen. In Thüringen gibt es außerdem die Organisation „Ukrainische Landsleute in Thüringen“. Auch dort können wir uns austauschen. Sie kommen zudem auch zu den Demonstrationen in Thüringen.

Hier in Deutschland ist mir aufgefallen, dass auf Demonstrationen und im Radio sowohl Aussagen und Reden von Putin als auch von Bundeskanzler Scholz zu hören waren. Aber keine Aussagen aus der Ukraine. Warum nicht? Gemeinsam mit anderen haben wir angefangen, die Reden von unserem Präsidenten, von Wolodymyr Selenskyj, zu übersetzen und auf Demonstrationen ebenfalls abzuspielen.

Es ist jetzt wichtig, dass ganz viel gespendet wird. Aber noch wichtiger zu bedenken ist, dass viele der Spenden auch erst später benötigt werden. Es sollte nicht alles jetzt am Anfang gespendet werden, sondern kontinuierlich über eine lange Zeit. Viele Spenden können zudem aktuell einige Städte und Regionen gar nicht erreichen, etwa weil die Straßen zerstört wurden.

In Jena kann man sich zum Beispiel freiwillig als Sprachmittler melden und auch Deutschlehrerinnen und -lehrer werden zukünftig gesucht. Es ist wichtig, dass die Geflüchteten kostenfreie Möglichkeiten haben, die deutsche Sprache zu lernen. Als Sprachmittlerin helfe ich derzeit auch. Ich dolmetsche und ich versuche Räume zu organisieren, in denen Deutschkurse stattfinden können. Das ist wichtig, weil nur wenige der Geflüchteten sich auf Deutsch oder Englisch verständigen können.

Wie hat sich Ihr Leben bzw. Ihr Alltag in Deutschland / in Jena verändert? Können Sie an eine Zukunft denken?

Zu Beginn stand das Leben wirklich Kopf. Mit den Gedanken war ich immer in der Ukraine. Da spreche ich vermutlich für alle Ukrainerinnen und Ukrainer. Meine Eltern wollen aber, dass mein Leben hier weitergeht. Ich muss also lernen, damit zu leben.

Viele Städte der Ukraine gibt es nicht mehr und die Menschen haben Vieles zurückgelassen. Europa muss deshalb zusammenhalten, helfen und Flüchtlinge aufnehmen. Ich hoffe sehr, dass nach dem Krieg eine neue Epoche beginnt, die die Unabhängigkeit zeigt. Bis dahin hoffe ich, dass die Welt weiterhin die Ukraine unterstützt. Das hat Polen z. B. bereits getan – und das hätte niemand zuvor erwartet.

Aber dieser Krieg zeigt auch, dass wir uns auf der ganzen Welt gegen Krieg einsetzen müssen. Es ist unsere Pflicht, uns zu informieren und zu helfen. Jetzt, wo der Krieg so nah ist, wird mir bewusst, was ich bisher ignoriert habe.


Das Gespräch wurde am 8. März 2022 geführt.

Foto: Jens Meyer / Universität Jena