„Der ganze Tag war wie ein Albtraum für mich“

Porträtaufname der ukrainischen Studentin Diana Tarasova

Diana Tarasova studiert Deutsch als Fremdsprache an der Friedrich-Schiller-Universität. Sie ist im September 2021 nach Jena gekommen. Wir haben mit ihr über die Lage in ihrem Heimatland, der Ukraine, gesprochen.

Wie haben Sie vom Krieg in Ihrer Heimat erfahren?

Das war am 24. Februar. Ich habe morgens noch geschlafen, als ich einen Anruf von einem Freund bekommen habe. Er kommt aus Charkiw, einer Stadt, die sehr stark angegriffen wurde. Er sagte: „Der Krieg hat begonnen, hol deine Eltern!“

Zunächst konnte ich das nicht glauben. Die Eskalation zwischen dem Donbas und Russland dauert schon sehr lange an, deshalb kam es mir unwahrscheinlich vor, dass nun etwas passiert sein soll. Ich dachte: Nein, das kann nicht sein, er muss etwas missverstanden haben.

Als ich danach auf mein Handy gesehen habe, hatte ich sehr viele Nachrichten, viel mehr als normal. Das war so ein Moment, in dem du weißt, dass irgendetwas nicht stimmt. Meine Eltern, Geschwister und Bekannte berichteten, dass sie morgens Bombenexplosionen gehört hatten, als der nahegelegene Flughafen der Stadt Dnipro angegriffen wurde. Sie hatten alle Angst. Sie wussten nicht, was passiert ist. Es gab noch keine Nachrichten darüber. Keiner wusste dann, wie es weitergeht.

Der ganze Tag war wie ein Albtraum für mich. Ich habe die Nachrichten gelesen und dennoch konnte ich nicht verstehen, dass das wirklich passiert. Es wirkte nicht wie Realität. Ich habe gehofft, ich wache auf und alles wird gut. Aber es wurde schlechter und schlechter.

Wie geht es Ihrer Familie und wie schätzen Sie die Situation in Ihrer Heimat ein?

In meiner Heimatstadt Dnipro ist die Lage noch relativ gut. Die Stadt liegt nicht an der Grenze, sondern zentral in der Ukraine, südlich von der Hauptstadt Kiew. Nach der Bombardierung waren bald russische Truppen im angrenzenden Gebiet von Saporischschja. Da denkt man schon darüber nach, was passiert, wenn die Truppen aus dem benachbarten Gebiet weiterziehen und wohin sie womöglich weiterziehen.  

Alle sind schockiert und erschrocken. Ich habe mit meinen Eltern gesprochen, ob sie fliehen. Aber Männer (zwischen 18 und 60 Jahren, Anm. d. Red.) dürfen das Land nicht verlassen und meine Mutter möchte meinen Vater nicht verlassen. Sie sagt, sie bleibt. Wir haben auch einen Hund und eine Katze. Auch sie merken, dass etwas nicht stimmt. Der Hund wollte tagelang nicht essen. Die Tiere sind ein weiterer Grund, warum meine Mutter nicht fliehen will. Ich hoffe einfach, dass wenigstens in meiner Stadt alles gut wird. Ich werde verrückt, wenn ich mir vorstelle, dass es anders kommt. 

Die Fülle an Nachrichten ist riesig. Wie und über welche Kanäle informieren Sie sich?

Ich versuche vor allem, überprüfte Quellen zu nutzen. Außerdem nutze ich Social Media. Zum Beispiel nutze ich das Profil meiner Stadt auf Instagram, ähnlich wie bei der Stadt Jena. Und auch das Land hat ein Profil. Außerdem informiere ich mich in Gruppen auf Instagram und Telegram. Die Bilder, die dort zu sehen sind, zeigen mir auch, dass es keine Fake News sind. Es waren vor allem Fotos von unserem Flughafen zu sehen, den ich wiedererkannt habe. Natürlich nutze ich auch andere Quellen, etwa von der Deutschen Welle oder von anderen überprüften Sendern. Es ist wichtig für mich, verschiedene Seiten zu sehen, sie zu verstehen und zu hinterfragen, warum das so passiert ist.

Wie halten Sie Kontakt zu Freunden und Familie in der Ukraine?

Ich hatte bisher Glück, denn zu meiner Heimatstadt gibt es noch Verbindung. In Städten wie Charkiw oder Kiew wurden die Telekommunikation und der Mobilfunk durch die Angriffe gestört, dort ist die Kommunikation erschwert. In unserer Stadt gibt es zum Beispiel ein Problem mit der Sirene. Deshalb gibt es einen Telegram-Kanal, auf dem über den Beginn und das Ende des Sirenenalarms informiert wird. Wenn ich diese Nachricht sehe, dann rufe ich nach zehn Minuten meine Mutter an und frage, ob der Alarm nur zur Warnung war oder ob wirklich etwas passiert ist. Meist reagierte die Sirene auf Objekte im Himmel, aber es ist nichts passiert.

Ich rufe meine Eltern aber auch ohne einen Alarm jeden Tag an, solange ich die Kraft dazu habe. Wenn ich viel weine, rufe ich lieber nicht an, denn ich will in guter Stimmung mit meinen Eltern sprechen, ihnen sagen, dass alles gut wird.

Meinen Freunden schreibe ich häufig Nachrichten. Am meisten habe ich Kontakt zu Leuten aus Charkiw. Einige meiner Freunde sind bereits nicht mehr in der Ukraine oder an der Grenze. Ich frage sie, wie es ihnen geht und ob ich ihnen helfen kann. So versuche ich, in Kontakt zu bleiben.

Kennen Sie junge Männer, die nun die Ukraine verteidigen und kämpfen müssen?

Wenn eine Stadt angegriffen wird, müssen Männer im Alter zwischen 18 und 60 Jahren die Stadt schützen und zu Waffen greifen. Ich habe keinen persönlichen Kontakt zu den Jungen und Männern, die bisher mobilisiert wurden. Aber alle, die ich aus Dnipro kenne, sagen, dass sie im Fall der Fälle natürlich kämpfen werden. Sie sehen es als ihre Pflicht an, Stadt und Land zu schützen. Auch diejenigen, die keine militärische Erfahrung haben. Aber sie alle haben sehr viel Mut. Sie wollen sich nicht verstecken. Sie wollen vor allem die zivile Bevölkerung, Frauen und Kinder schützen – auch, wenn sie dafür zu Waffen greifen müssen.

Wie stehen Sie Russland und Freunden dort gegenüber?

Der Konflikt mit Russland ist schwierig. Wir waren verbrüderte Völker. Meine Muttersprache ist eigentlich Russisch, denn in unserer Region ist Russisch dominanter als Ukrainisch. Jetzt hassen alle Russland, das zeigen auch die Sanktionen. Was Putin und seine Regierung getan haben, wird ewig in Erinnerung bleiben, das wird niemand verzeihen.

Für mich ist der Kontakt nach Russland schwer. Meine beste Freundin ist vor fünf Jahren nach Moskau gezogen. Sie sagt: „Wir können nichts machen. Wir können nicht demonstrieren, denn dann werden wir von der Uni exmatrikuliert und wir werden bestraft.“ Selbst für einen Post in sozialen Netzwerken können sie bestraft werden. Der Druck ist in Russland sehr groß. Das ist wirklich traurig, weil es einige Menschen in Russland gibt, die helfen wollen, aber sie können und dürfen es nicht.

Spüren Sie den Einfluss der russischen Propaganda?

Man merkt, dass die Leute der russischen Propaganda glauben. Sie denken wirklich, dass es sich um eine friedliche russische Operation handelt. Aber alles, was in russischen Medien gesendet wird, entspricht nicht der Wahrheit. Aber wenn man nur diese eine Seite sieht, glaubt man ihr natürlich. Trotzdem gibt es mutige Menschen, die andere Quellen finden und demonstrieren, die die Wahrheit zeigen wollen, auch wenn die Proteste unterdrückt und die Menschen bestraft werden. Da merkt man, dass die russische Regierung Angst hat. Und das ist der Grund, warum es so schrecklich ist. Wenn alle verstehen würden, was tatsächlich passiert, hätte der Krieg vielleicht schon aufgehört, dann wäre die russische Regierung vielleicht schon aufgelöst worden.

Führt dies auch zu Konflikten mit Ihren Freunden in Russland?

Ja, klar. Ich habe Bekannte in Russland. Sie sehen was passiert, aber sie schieben die Schuld auf die Ukraine. Aber was sollen wir gemacht haben, wie sollen wir Schuld haben? Das verstehe ich nicht, zumal unser Land doch selbst betroffen ist. In Russland muss man nichts beweisen oder argumentieren, sie würden es nicht verstehen. Deshalb habe ich den Kontakt zu ihnen abgebrochen.

Wie haben sich Ihr Leben und ihr Alltag in Jena verändert? Wie gehen Sie mit Ihren Ängsten und Sorgen um?

Wenn ich mich jetzt und vor zwei Wochen vergleiche, dann geht es mir jetzt sehr gut. Ich habe das schreckliche Gefühl vom Anfang bewältigt. Ich war total zerbrochen. Ich wollte nichts machen, nichts essen, ich habe zwei Tage lang nur geweint. Ich war nur in meinem Zimmer. Wenn alle fragen, wie es dir geht, dann verstehst du sofort, dass etwas nicht stimmt. Dann kehren die Gedanken immer wieder zu dieser Situation zurück. Deshalb war es für mich sehr schwer, überhaupt mit Menschen zu sprechen. Ich habe viele Nachrichten gelesen, aber das ist auch sehr anstrengend. Mittlerweile habe ich mich gefasst. Ich habe ich verstanden, dass ich weitermachen und stark sein muss, um meiner Familie zu helfen.

Ich versuche, an vielen Stellen aktiv zu werden. Ich unterstütze zum Beispiel viele Organisationen finanziell, ich versuche mit Leuten zu sprechen, ich biete meine Hilfe an. Das gibt mir auch neue Kraft. Ich habe verstanden, dass das Leben weitergeht – aber nur, wenn ich mich nicht vergrabe und den ganzen Tag weine. Ich habe in den zwei Wochen viele Sachen für die Uni liegen lassen. Da möchte ich nun auch weitermachen. Natürlich steht die Familie aber weiterhin an erster Stelle.

Was machen Sie, um zu helfen?

Es gibt viel humanitäre Hilfe. In Jena zum Beispiel werden immer wieder Spenden gesammelt. Dafür habe ich haltbares Essen gekauft, zum Beispiel Kekse. Ich versuche auch, Organisationen zu unterstützen, die Flüchtlingen helfen. Zum Beispiel sammelt mein Mobilfunkanbieter Geld, das er an die Länder weitergibt, die Flüchtlinge aufnehmen. Momentan sind das vor allem Polen oder Moldawien.

Außerdem braucht es jetzt viele Freiwillige, die Ukrainisch oder Russisch beherrschen und übersetzen können. Das passt gut mit meinem Studienfach zusammen, denn ich will später anderen Deutsch beibringen. Jetzt möchte ich meine Fähigkeiten beim Übersetzen einbringen. Bisher habe ich noch nicht viel gemacht, weil ich noch keine Kraft hatte. Aber ab jetzt will ich mit anpacken.

Was denken Sie, wie es weitergehen wird?

Es ist eine sehr unsichere Zeit. Wie es weitergeht, weiß ich nicht. Wir waren kein reiches Land, wir haben mit Korruption gekämpft, wir hatten einige Reformen und wollten der EU beitreten. Jetzt sind Städte und das halbe Land kaputt und zerstört. Bereits zwei Millionen Menschen sind aus der Ukraine geflohen. Ich habe wirklich Bedenken, ob die Menschen in der Ukraine bleiben und dort weiter leben können. Das Leben, wie es sich die Menschen und auch meine Familie aufgebaut haben, gibt es in dieser Form nicht mehr.

Ich habe ein Stipendium bekommen für mein Masterstudium in Deutschland. Aber was ist mit Studierenden in der Ukraine? Ich weiß nicht, ob sie ihr Studium beenden können. Ich weiß auch nicht, wie es denen geht, die die Schule besuchen. Viele Leben und Träume sind zerstört.

Ich hoffe natürlich, dass der Krieg endlich beendet wird, dass wir die Städte wieder aufbauen können und alles wieder gut wird. Aber gerade lässt sich das nicht sagen.

Wie kann der Ukraine und den Geflüchteten am besten geholfen werden?

Das Wichtigste ist die Unterstützung. Was Deutschland und Europa machen, ist unglaublich wichtig für die Ukraine. Die Unterstützung der ganzen Welt für die Ukraine zeigt, dass die Ukraine richtig handelt, dass wir nicht der Feind sind, sondern dass Russland der Gegner ist.

Helfen ist sehr wichtig. Aktuell gibt es eher weniger Bedarf an Geld für die Ukraine selbst. Viel mehr benötigen die Flüchtlinge unsere Hilfe. Man kann Organisationen Geld, Essen, Kleidung oder andere Sachspenden geben, die sich um die Flüchtlinge kümmern. Wenn Menschen fliehen, nehmen sie kaum etwas mit. Sie haben nichts.

Gibt es etwas, das Sie zum Abschluss noch sagen möchten?

Ich möchte mich für die Möglichkeit bedanken, dass ich im Interview über die Lage in meiner Heimat berichten kann. Ich denke, es ist sehr wichtig, dass sich die Menschen über verschiedene Quellen und Ansichten informieren können, wenn sie möchten. Mir oder anderen Ukrainerinnen und Ukrainern hilft es auch, mit anderen zu sprechen und unsere Geschichte, unsere Erfahrungen und unsere Sicht weiterzugeben.


Das Gespräch wurde am 9. März 2022 geführt.

Foto: Jens Meyer / Universität Jena