„Der Krieg wird in den Köpfen Spuren hinterlassen“

Olena Nosovska ist 24 Jahre alt. Sie stammt aus der Ukraine, genauer gesagt aus einem Dorf nahe Kiew. Nach ihrem Master in Chemie promoviert sie mittlerweile an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Für ihr Studium kam sie im Wintersemester 2018/19 nach Jena. Ein Teil ihrer Familie ist nun aus der Ukraine geflohen und nach Jena gekommen.

Wie war es für Sie, als Sie vom Krieg erfahren haben?

Auf einen Krieg war ich nicht vorbereitet, auch nicht in Gedanken. Ich lebe als Einzige meiner Familie in Deutschland, der Rest ist in der Ukraine und wohnt in einem Dorf nahe Kiew. Am Abend vor den Angriffen habe ich noch mit meinem Vater telefoniert und wir haben über belanglose Sachen gesprochen – wie ich etwas an meiner Waschmaschine repariere. Mit meinen Eltern habe ich auch über die politische Lage im Land gesprochen und ich habe mich mit ihnen darüber unterhalten, warum Reservisten einberufen wurden und ob es auch meinen Papa betrifft. Aber es ging nicht um Krieg.

Am nächsten Morgen, gegen 8 Uhr, habe ich eine Nachricht von meinem Papa gelesen, dass ich ihn anrufen soll. Am Telefon sagte er mir, dass Bombardierungen begonnen haben und dass ein Krieg angefangen hat. Aber die wichtigste Info für mich war, dass es allen gut geht und alle gesund sind.

Aber ich sollte sie unterstützen, meine 22-jährige Schwester nach Deutschland zu holen. Mein Bruder ist noch zu klein, um allein zu reisen und meine Eltern waren an dem Tag nicht bereit, das Land zu verlassen. Sie haben dort alles und wollten trotz Krieg nicht weggehen. Für meine Familie kam der Kriegsausbruch absolut unerwartet.

Das war sehr stressig für mich. Ich war sehr nervös und unruhig.

Was haben Sie dann gemacht?

Ich habe zunächst einen Freund kontaktiert, der als Flüchtling aus Syrien nach Deutschland gekommen ist. Wir haben zusammen studiert, daher kenne ich ihn recht gut. Obwohl wir noch nie über seine Flucht aus Syrien gesprochen haben, habe ich ihn angerufen und gefragt, wie ihm damals die Flucht gelungen ist. Ich habe ihn gefragt, ob es internationale Organisationen waren, die die Flucht organisiert haben, oder ob er sich alleine auf den Weg gemacht hat und was zu bedenken ist. Er sagte, es wird in den nächsten Tagen immer schwieriger, zu fliehen. Je früher sich meine Schwester auf den Weg macht, desto besser kann es ihr gelingen. Und sehr wahrscheinlich würde niemand die Flucht innerhalb der Ukraine organisieren, erst außerhalb des Landes. Meine Schwester solle sich auf eigene Faust auf den Weg zur Grenze machen.

Das habe ich meiner Familie so weitergesagt und ihnen erklärt, dass ich mich erst um die Reise außerhalb der Ukraine kümmern kann.

Ist Ihrer Schwester die Flucht gelungen?

Meine Mutter, meine Schwester und mein kleiner Bruder sind gestern (Mittwoch, 09.03., Anm. d. Red.) in Jena angekommen. Der Rest der Familie ist noch bei Kiew.

Nachdem einem Teil Ihrer Familie die Flucht gelungen ist: Wie geht es den hier ankommenden Geflüchteten? Wie können sie besser unterstützt werden?

Die Menschen, die hier ankommen, haben traumatische Erfahrungen und viel Stress hinter sich. Die Angriffe und Kämpfe fanden zwar etwa 30 Kilometer von dem Dorf meiner Eltern entfernt statt, aber sie konnten die Explosionen und die Geräusche des Kriegs hören. Das macht sich auch hier bemerkbar. Sie reagieren ganz anders auf Geräusche und erschrecken zum Teil, wenn ich an die Türe klopfe.

Meine Familie ist mit dem Auto nach Polen geflohen, dort haben sie sich kurz bei meiner Tante erholt und sind dann mit dem Zug über Prag nach Jena gekommen. Was ihnen gutgetan hat und was sie überrascht hat, war, dass sogar in Dresden die Ansagen am Bahnhof auf Ukrainisch waren.

Man muss verstehen, dass die Flüchtlinge unter Stress stehen. Sie haben eine traumatische Erfahrung hinter sich und sind zudem häufig zum ersten Mal im Ausland. Dann die Muttersprache zu hören, beruhigt und unterstützt ungemein. Daher sind auch Übersetzer sehr wichtig.

Positiv überrascht war meine Familie auch von der großen Solidarität gegenüber den Flüchtlingen. Auch wenn die Zusammenarbeit mit Menschen, die die Sprache nicht sprechen, kompliziert ist, so ist die gegenseitige Unterstützung aber großartig. Auch die Hilfsbereitschaft aller Mitreisenden in den überfüllten Zügen ist groß gewesen.

Verbesserungsbedarf gibt es beim Transport. Die vollen und langen Züge werden oftmals in Bahnhöfen getrennt. Finden die Durchsagen nicht auf Ukrainisch oder Russisch statt, wissen viele nicht, ob sie im richtigen Teil des Zuges sitzen und wohin ihre Fahrt weitergeht. Hier sollten die Transportunternehmen in Übersetzungen investieren.

Wie funktioniert die Kommunikation mit dem Teil Ihrer Familie in der Ukraine?

Zu meinem Vater habe ich regelmäßig Kontakt. Es gibt eine Internetverbindung und wir können telefonieren. Ihn frage ich auch nach meinen Großeltern und anderen Verwandten und Bekannten.

Wie ist humanitäre Lage in der Wohngegend Ihres Vaters?

Die wichtigste Versorgung ist gegeben. Es gibt Wasser und Strom und auch an Lebensmittel ist immer noch heranzukommen. Ich kenne aber andere Familien, die weiter im Osten des Landes leben, bei denen das schwieriger ist. Auch bei entfernten Verwandten in bereits russisch besetzten Städten ist die Versorgung schwierig, zum Beispiel in Saporischschja. Dort ist auch das Internet nicht stabil. Daher ist die Hilfe aus dem Ausland wichtig. Selbst mit ausreichend Geld ist es oft schwierig, Dinge zu kaufen, weil die Logistik durch den Krieg beeinträchtigt ist.

Wissen Sie, ob die Hilfstransporte aus dem Ausland dort ankommen?

Ich kann nur weitergeben, was meine Kontakte mir erzählen. Die ukrainische Armee ist sehr gut ausgerüstet. Mein Vater unterstützt als Freiwilliger die Logistik der ukrainischen Armee. Einen Mangel gibt es an Schutzausrüstung für die Zivilbevölkerung, die im Zivilschutz hilft. Sie haben Waffen, aber keinen Helm.

Die ankommenden Transporte werden aber im Land gut verteilt und es findet eine sehr große Unterstützung aus dem Ausland statt. Wichtig ist auch die Unterstützung für Krankenhäuser.

Was denken Sie, was politisch geschehen müsste?

Man redet hier über den Schutz des Luftraumes über der Ukraine. Die NATO soll dies übernehmen. Meiner Ansicht nach wäre das eine hilfreiche Aktion. Das würde die Ukraine vor starkem Beschuss und Angriffen aus der Luft schützen. Damit wäre mehr Sicherheit für die Zivilbevölkerung gegeben und weniger Menschen sterben. Auch wenn die ukrainische Armee das zum Teil schon übernimmt, wäre diesbezüglich eine Unterstützung wünschenswert. Außerdem sind mehr Ausrüstung und technische Unterstützung sinnvoll.

Haben Sie Verwandte in oder Kontakt nach Russland?

Ja, wir haben Verwandte in Russland. Es sind entfernte Verwandte über meinen Opa.

Denken Sie, dass der Krieg auch innerhalb der Familie zu Spaltungen und Konflikten führt?

Es gab bereits viele Spaltungen innerhalb der Familie, als 2014 die russische Annexion der Krim stattfand. Unsere Verwandten wurden schon zu diesem Zeitpunkt zu Unterstützern von Russland. Aktuell ist die Propaganda in Russland sehr stark. Unsere Verwandten in Russland glauben daher eher der Propaganda als den Worten meines Opas, ihrer Familie.

Es ist meiner Meinung nach fast unmöglich, ihnen die Augen zu öffnen und sie von der Wahrheit zu überzeugen. Aber man sollte es auf jeden Fall probieren und nichts unversucht lassen. Am besten wäre es, Putin zu stoppen. Dann könnte man vielleicht auch die Propaganda stoppen.

Wie hat sich Ihr Leben in Deutschland verändert durch den Ausbruch des Kriegs?

In den ersten Tagen war es ein großer Schock, sehr viel Stress und Unruhe. Ich wollte einerseits keine Nachrichten lesen oder hören, andererseits will man aber auch wissen, was passiert. Es ist ein Auf und Ab mit der Laune, je nachdem, was man für Informationen erhält. Dieses Hin und Her tut nicht gut.

Meine Arbeit als Doktorandin hat mich natürlich abgelenkt und etwas beruhigt, andererseits denkt man parallel aber immer darüber nach, wie man helfen kann. Die Prioritäten haben sich sehr verschoben: die Arbeit rückt in den Hintergrund, das Wetter ist egal. Wichtig ist, sich für seine Familie und Landsleute einzusetzen. Mit meinen Kollegen rede ich auch darüber – sie merken, dass ich mich nicht normal verhalte. Sie haben sehr viel Verständnis und bieten ihre Unterstützung an.

Ich finde es außerdem wichtig, Informationskanäle einzurichten, um alle über den Krieg zu informieren und um durch Aufklärung hoffentlich bald zu einem Kriegsende zu kommen.

Haben Sie da konkret etwas auf die Beine gestellt?

Ich wusste zunächst gar nicht, dass es so viele Ukrainerinnen und Ukrainer in Jena gibt. Wir haben uns vernetzt und informieren uns gegenseitig, wo Hilfe gebraucht wird. Dadurch verteilen wir die Helfertätigkeiten. Wir haben uns als Übersetzer engagiert, als ein Bus mit Flüchtlingen in Jena ankam. Gerade übersetze ich einen Zettel für Schnelltestabstriche, weil die Flüchtlinge erst in Quarantäne sind, wenn sie hier ankommen. Sie müssen erst getestet werden. Mit einem übersetzen Informationsblatt können wir die für die Tests zuständigen Fachkräfte unterstützen.

Auch die Demonstrationen und Kundgebungen, die in der Stadt stattfinden, finde ich extrem wichtig. Es ist wichtig, die Aufmerksamkeit der Gesellschaft zu bekommen, um zu erklären, dass es ein Krieg gegen Putin ist und keine allgemeine Diskriminierung der Russen. Es geht darum, die Diktatur zu stoppen und die Freiheit vieler Menschen, nicht nur in der Ukraine, sondern auch in Russland, Kasachstan, Georgien zu sichern.

Wie können die Universität oder die Stadt weiterhin helfen?

Die Stadt und die Universität haben bereits sehr viel Hilfe und Unterstützung organisiert und es gibt umfangreiche Informationen. Gemeinsam mit meiner Familie habe ich darüber gesprochen, dass es toll wäre, wenn es eine Stelle gäbe, an die sich alle Ukrainerinnen und Ukrainer wenden können. Vergleichbar mit dem Internationalen Büro, nur eben ausschließlich für die Ukraine.

Besonders wichtig sind mir die geflüchteten Kinder. Sie können kein Deutsch, dementsprechend ist die Integration in deutschen Schulen, Kindergärten etc. schwierig. Eine neue Sprache und ein neues Land bedeuten für sie zusätzlichen Stress. Daher wäre ein Treffpunkt für sie toll, an dem sie sich gemeinsam mit anderen geflüchteten Kindern und ihren Eltern austauschen oder auch gemeinsam lernen können. Die Kinder sollten nicht das Gefühl von Ferien bekommen, sondern weiter lernen, Ablenkung bekommen und – ganz wichtig – auch Sport machen. Vielleicht könnten Stadt und Universität auch hier über Aktivitäten nachdenken.

Gibt es etwas, das Sie sich von Deutschland oder Ihrem deutschen Umfeld mehr wünschen?

Dass sie so weitermachen wie bisher. Und nicht vergessen. Aber leider befürchte ich, dass es nur zu Beginn eine Welle mit starker Resonanz gibt und diese bald nachlässt. Das darf nicht geschehen. Es ist ein Krieg und jeden Tag werden unschuldige Menschen getötet. Von allein wird der Krieg nicht enden, wir müssen gemeinsam helfen. Die Hilfsbereitschaft in Deutschland ist sehr groß, das soll so bleiben. Die Ukraine ist darüber sehr glücklich. Gemeinsam können wir durchhalten und uns für ein Ende des Kriegs einsetzen.  

Wie geht es nun weiter für Sie, Ihre Familie und Ihre Landsleute? Was sind ihre Hoffnungen?

Bereits jetzt und vor allem in Zukunft wird in sehr vielen Ländern die ukrainische Sprache zu hören sein, denn die Flüchtlinge verteilen sich. Man wird auf jeden Fall mehr über die Ukraine und über Russland wissen, über den Unterschied der Sprachen, über die Geografie, und so weiter. Der Krieg wird in den Köpfen Spuren hinterlassen.

Die Ukraine wird weiterleben, wenn der Krieg vorbei ist. Das Land hat seinen Landsleuten klar gemacht, dass Frieden das oberste Ziel ist. Länder wie Polen, Lettland, Rumänien, Deutschland und viele mehr haben die Flüchtlinge mit offenen Armen aufgenommen und geholfen. Das hat auch der Ukraine gezeigt, wer die Freunde sind – Belarus und Russland gehören definitiv nicht dazu.

„Am Ende wird alles gut sein“, hat Oscar Wilde gesagt. „Wenn es noch nicht gut ist, ist es auch noch nicht das Ende.“ Das sage ich mir jeden Tag. Es wird ein gutes Ende geben und dann wird das Land wieder neu aufgebaut und entwickelt. Ich denke, der Krieg hat die Leute stark gemacht, vor allem moralisch, noch stärker als bisher.


Das Gespräch wurde am 10. März 2022 geführt.

Foto: Jens Meyer / Universität Jena